Zitat des Tages, 1. November 2018

Besonders wenn man älter wird, wird die Substanzlosigkeit der Dinge immer offenkundiger, die Zeit scheint rascher zu vergehen, sodaß man sich der Flüssigkeit fester Gegenstände bewußter wird: Menschen und Dinge werden wie Lichter und Wellen auf der Oberfläche des Wassers.

Allan Watts

(Dank an H.N. für das Zitat)

Letzte Sätze, Folge 3

Die Verwirrung legt sich, ich kann wieder richtige Sätze denken. Ich schließe daraus, daß ich meine Entscheidung überlebt habe. Am Flußufer spielt eine abgehalfterte Popgruppe auf einer Bühne. Um die Bühne herum sind ein paar Holzbänke, Tische und Sonnenschirme aufgebaut, außerdem eine Pommesbude und ein Bierausschank, Die Stadtverwaltung nennt dieses jährlich im Sommer wiederkehrende Angebot ein „Kulturprogramm für Daheimgebliebene“. Einzelne vereinsamte Kinder und Männer mit Biergläsern in der Hand suchen sich einen Platz unter den Sonnenschirmen. Ein paar Rentner wanken herbei und lassen sich stöhnend auf die Bänke sinken. Eine Handvoll Obdachlose kommen mit ihren Frauen und Hunden dazu. Es entsteht ein Bild wie nach der Apokalypse. Die Überlebenden müssen beruhigt werden. Ich gehöre zu ihnen, ich lehne mich gegen einen Baum. Die Musik ist laut und mittelmäßig, aber die Leute sind froh, daß es außer dem Verkehrslärm, den Polizeisirenen und dem Gedröhn der Flugzeuge noch etwas anderes zu hören gibt. Ich erhole mich von den Resten meiner Liebesmilitanz, bis ich sie nicht mehr spüre. Mir gefällt meine wirre Schweigelust und das Herumstehen in der öffentlichen Belanglosigkeit.
(Wilhelm Genazino, Die Liebesblödigkeit)

Ist das noch Jazz? – Eine kleine Nachtfahrt mit dem Michael Wollny Trio

Ich erinnere mich: als ich ihn, den damals, vor 10, 12 Jahren als neuen Star am Jazzhimmel gehandelten Pianisten das erste Mal auf der Bühne sah. An den jungen Mann, der aussah, als käme er gerade vom Abiturball (dem eigenen): großgewachsen, schlaksig, bleich, verwuschelte Haare, der sich artig vor dem Publikum verneigte und ein wenig unsicher wirkte. So als würde er Weiterlesen

Letzte Sätze, Folge 2

„Alles ist wie nicht geschehen … Es ist ein Tag im September, und wenn man aus den finstern und gar nicht kühlen Gräbern wieder ans Licht kommt, blinzeln wir, so grell ist der Tag; ich sehe die roten Schollen der Äcker über den Gräbern, fernhin und dunkel das Herbstmeer, Mittag, alles ist Gegenwart, Wind in den staubigen Disteln, ich höre Flötentöne, aber das sind nicht die etruskischen Flöten in den Gräbern, sondern Wind in den Drähten, unter dem rieselnden Schatten einer Olive steht mein Wagen grau vom Staub und glühend, Schlangenhitze trotz Wind, aber schon wieder September: aber Gegenwart, und wir sitzen an einem Tisch im Schatten und essen Brot, bis der Fisch geröstet ist, ich greife mit der Hand um die Flasche, prüfend, ob der Wein (Verdicchio) auch kalt sei, Durst, dann Hunger, Leben gefällt mir – „
(Max Frisch, Mein Name sei Gantenbein)
Fotografie: SEESTÜCK (Garafia) © Lothar Eder 2018

Letzte Sätze, Folge 1

„Er aber hatte sich nicht bewegt in all dem Trubel, hatte nur stumm zugeschaut, zugehört und versucht, zu verstehen und zu hören, was er hinter all dem hörte und sah, was er sah und hörte.
Es war eine Geschichte, die weiterging. Es war seine Geschichte.“
(Ulrich Schacht, Notre Dame)

 

Fotografie: „Über alle Tage weht der Wind“ © Lothar Eder 2013

Gedicht zum Tag

 

Oktober

Der süße Duft
Von welken Pappelblättern
Herabgesunken
Gerufen
Zu ihrem Ursprung

Er kündet
Von der Leichtigkeit
Vergangener Stunden
Vom Licht
Und
Vom heutigen Tag
(L.E.)

Fotografie: „Wind in einer kleinen Pappel an der Großen Kirr bei Zingst“  © Lothar Eder 2018

Regen

Ich persönlich gehöre zu den Menschen, die Regen sehr schätzen. Ich liebe Regentage. Sie entspannen mich. Sie geben mir das Recht, drinnen zu bleiben, zu dösen, zu schlafen, zu lesen. zur produktiven Untätigkeit. Weiterlesen