Zitat des Tages – 9. Februar 2019

Wann immer ich den den grenzenlosen Ton höre,
In der Tiefe der Nacht, oh Mutter,
Finde ich dich wieder
Kyozan Joshu

 

Dieses Kurzgedicht des Zenmeisters Kyozan Joshu spricht eine Ursehnsucht und eine Urangst der Menschen an: das Bedürfnis nach und die Angst vor dem Verlust der Mutter. Zunächst ist die eigene, persönliche Mutter gemeint. Das Gedicht weist aber über das Persönliche hinaus auf die Große Mutter, das Mütterliche an sich, das jeder Mensch im besten Falle als Kind in nährender und liebender Weise erfahren hat. Mit dem Erwachsensein findet traditionell die Anbindung an das Mütterliche an sich statt. Sei es Mutter Erde, die Jesusmutter Maria oder Guanyin, der weibliche Buddha des Mitgefühls.
Das Gedicht beinhaltet eine innere Suchrichtung. Das Hören des Tons setzt ein offene Haltung für diesen Ton voraus. Warum ist der Ton grenzenlos? Weil er transpersonal ist, er weist über den einzelnen Menschen hinaus. In dieser offenen Haltung wiederum  läßt sich das Hören des Tons, der Trost im Gefühl des Un-Gehaltenseins finden.
In der späten Moderne lieferte John Lennon mit seinem Lied „Mother“ einen Klagegesang, der das Ungeströstetsein beschreibt, das aus dem vergeblichen Suchen nach der Mutter, dem Mütterlichen erwächst. Wir finden das Motiv auch wieder in Richie Havens „Sometimes I feel like a motherless child“.

 

Kalligraphie: © Hans Neidhardt 2019

 

 

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Gedicht des Tages – Das Glück der Sätze

Das Glück der Sätze. So überschreibt Wolf Wondratschek in der Frankfurter Anthologie  seine Vorstellung eines Gedichtes von Ernst Jandl. Und da heißt es: „Begnügen wir uns mit der Einsicht, daß alle Liebegedichte Fragmente bleiben, Fragmente einer großen Konfession, die ihre Triumphe still für sich behält. Jandls Gedicht sagt das Sagbare – und respektiert das Unsagbare“.

 

liegen, bei dir
ich liege bei dir, deine arme
halten mich, deine arme
halten mehr als ich bin.
deine arme halten, was ich bin
wenn ich bei dir liege und
deine arme mich halten

 

Fotografie: Höllbach © Lothar Eder 2015

Lichtmeß

Der 2. Februar ist seit Alters her der Tag, an dem, nach der dunklen Zeit, das Licht wieder in die Welt kommt. Ganz profan wird um diesen Tag herum erkennbar, daß die Tage schon merklich länger sind, die Sonne früher aufgeht und später untergeht.

In der christlichen Tradition wird der Tag auch „Mariä Lichtmeß“ genannt.  Es ist der 40. Tag Weiterlesen

Zitat des Tages – 31. Januar 2019

Schon daß wir leben, ist heilig

Rabbi Abraham Heschel

 

 

Das Zitat des Tages erscheint heute in Form einer Kalligraphie. Sie stammt von meinem geschätzten Kollegen Hans Neidhardt. Hans gestaltet mit diesen herrlichen kleinen Kunstwerken z.B. Kalenderblätter und verwendet dafür Sinnsprüche, Zitate und Aphorismen, die mich immer wieder auf einer meditativen und poetischen Ebene anregen.
Als Titelbild sehen wir das Kalenderblatt vom Januar.

Zitat des Tages – Herr Hürdler

Mein Ohr hat’s vernommen, mein Herz hat’s gehört

Schneidermeister Hürdler

 

Den Schneidermeister Hürdler kennt keiner. Außer mir. Was wohl auch nicht ganz stimmt. Denn Herr Hürdler lebte zwar, da geschieden, alleine. Aber er hatte eine damals schon erwachsene Tochter. Zudem war er Mitglied in einer Sekte, wie man damals sagte und übte dort, so erzählten meine Eltern, eine hochrangige Funktion aus. Also kannten ihn seinerzeit diejenigen, die ihn eben kannten, und es sei ihm zu wünschen, daß sich außer mir noch einige andere Menschen an ihn erinnern.
Im eigentlichen Sinn aber ist der Schneidermeister Hürdler vollkommen unbekannt, im Gegensatz etwa zum Tapferen Schneiderlein oder zum Schneider von Ulm.

Dennoch hat der Hürdler es hier herein, in die Radikale Poesie geschafft, und das kommt so: Weiterlesen

Letzte Sätze, Folge 7

„Ich schwebte, als sei ich im Innern einer Seifenblase“, sagte der polnische Kosmonaut Miroslaw Hermaszewski. „Wie ein Säugling im Schoß der Mutter. In meinem Raumschiff bleibe ich immer das Kind der Mutter Erde.“
Es gab Kosmonauten, die auf ihre Reise Musik mitnahmen, aber zuletzt nur noch Kassetten mit Naturgeräuschen hörten: Donnergrollen, Regen, Vogelgesang. Andere hatten ein Gemüsebeet im All und züchteten Hafer, Erbsen, Rüben, Radieschen und Gurken, strichen mit der Handfläche beseligt über die frischen Pflänzchen oder empfanden tiefe Trauer, als Fische in einem Becken die Reise nicht überstanden. Am äußersten Ende der Exkursion zu den Grenzen des Erreichbaren, die technologische Rationalität mit einer Meisterleistung krönend, entdeckten sie das Kreatürliche, das Spirituelle und das Moralische und kehrten zurück zum Anfang, zum Kind, zum Säugling, der da liegt wie der zusammengekauerte Todesschläfer, der letzte komplette Mensch. Seine Zukunft muss ihm unvorstellbar gewesen sein. Sie ist es noch.

 

Roger Willemsen, Wer wir waren

 

Zitat des Tages, 21. Januar 2019

Nicht viel wird gehoben mit Worten, nicht viel.
Der größere Teil eines Menschenlebens bleibt schattenhaft
Unterm Wasserspiegel, undeutbar für immer.

Durs Grünbein, Unterm Wasserspiegel

 

Fotografie © Lothar Eder 2019