Die Handschrift des Legionärs Franz Eckstein

 

THOMAS RIETZSCHEL ist ehemaliger Kulturkorrespondent der FAZ und arbeitet mittlerweile als freier Autor, u.a. für die „Achse des Guten“ von Hendryk M. Broder (www.achgut.com). Sein aktuelles Buch „Die Handschrift des Legionärs Franz Eckstein“ nennt sich im Untertitel „Spurensuche eines Jahrhunderts“. Es ist die auf Fragmenten der Handschrift von Franz Eckstein beruhenden, in weiten Teilen fiktionale Geschichte eines jungen Dresdners, der in der zweiten Hälfte des 19. Jh. der kleinbürgerlichen Enge entfliehen wollte und sich für 5 Jahre der französischen Fremdenlegion anschloß.
Rietzschel versteht es auf wunderbare Weise, diese Geschichte nicht nur mit der Biografie seiner eigenen Familie zu verweben. Vielmehr läßt er daraus ein Zeitportrait entstehen, das von der Gründerzeit bis in die Nachkriegszeit in der DDR reicht. Der Autor verfügt nicht nur über eine wunderbare Sprache, sondern auch über ein herausragendes erzählerisches Talent. Darüberhinaus zeichnet er gleichsam mit leichter Feder die Entstehungsgeschichte des deutschen Bürgertums. Dabei läßt er anklingen, wie fragil das Gebilde der Civitas ist: es erfordert Mut, Tatkraft, friedliche Bedingungen und die Rechtssicherheit, die auf dem römischen Recht basiert. All dies europäische und hier insbesondere deutsche Faktoren, die heutzutage so leichtfertig als „nicht erkennbar“ vom Tisch gewischt werden.
Auch für das heutige juste milieu mit seiner angeblichen moralischen Überlegenheit gegenüber den Ahnen hat Rietzschel einige Bemerkungen parat, die er elegant in seinen Text einwebt. Zitiert sei eine Textstelle auf Seite 33: „Die sprichwörtlich gewordene Gnade der späten Geburt verführt die Nachkommen ja allemal zu naseweisem Moralisieren. So lässt sich Geschichte mühelos instrumentalisieren. Um sie zu verstehen, wollen wir aber versuchen, die Vergangenheit zuerst mit den Augen derer zu sehen, für die sie Gegenwart war.“ Wie wahr, möchte man anfügen. Und dies als Motto für alle ausgeben, die sich, im kuscheligsten Frieden aller Zeiten, mit vollem Kühlschrank und dem allerneuesten Mobiltelefon ausgestattet, jederzeit zu Anklägern und Richtern derer aufspielen, auf deren Schultern sie stehen.

Martin Mosebach als Systemiker

Kopierrechte Lothar Eder 2014

Gegen Ende des Romans „Der Mond und das Mädchen“ stoße ich auf eine kleine Textpassage, die mich an systemisches Denken erinnert. Sie lautet: „Wir lernen die Menschen eigentlich erst kennen, wenn wir ihnen in ihrem Milieu begegnen und plötzlich begreifen, daß sie mit ihren unpersönlichen Eigenschaften doch nur ein Mosaikstein sind und damit Teil eines großen Bildes“ (S. 178-79 der TB-Ausgabe)

Nun, das trifft auf den Einzelnen im Kontext seiner Familie durchaus zu. Denn unsere scheinbar so individuellen Eigenheiten können uns als Fortsetzung oder als Zitat einer Familienkultur erscheinen, wenn wir uns mit unserer Herkunftsfamilie, auch über mehrere Generationen hinweg, befassen. Sätze wie „du bist wie der Opa“ haben also durchaus ihren Sinn und ihre Berechtigung.

Es kann eine große Befreiung in dieser Art der Betrachtung liegen. Zwar verlieren wir einerseits scheinbar unsere Einzigartigkeit. Aber das Verstehen, aktueller Ausdruck eines Familiensystems zu sein, das sich gewissermaßen selbst über die Zeit fortschreibt, kann uns beim Verstehen unserer selbst helfen. Helfen bei den drei entscheidenden Lebensfragen: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Die Rückversicherung der Herkunft hilft, ist gewissermaßen Antrieb, nun den eigenen Weg zu gehen. Mit den Menschen, die wir an unserer Seite haben.

Über Veränderung: noch einmal Martin Mosebach

„Es war etwas geschehen […]. Ein gesunder, junger Mensch stellt sich Veränderungen des Lebens stets als äußeres Ereignis vor: ein neuer Beruf, eine neue Liebe, ein großer Erfolg, neue Menschen, eine neue Stadt, ein neues Land. Wer klug ist, mag hier auch allfälliges Unglück in Rechnung ziehen, denn wir bewegen uns auf dünnem Eis, unsere Schritte erzeugen ein Knistern, das der Lebenserfahrene hören kann, der Bruch der Eisdecke eines Tages ist das zu Erwartende. […] Ein philosophischer Augenblick war das, wenn man es recht bedachte und seine Schlüsse daraus zog. Solche Einbrüche hinzunehmen und gar anzunehmen und zu überwinden, wurde vom erwachsenen Menschen erwartet. Das Scheitern alles Pläne war immer mit einzurechnen.“

Martin Mosebach, Der Mond und das Mädchen, S. 89-90

Zitat zum Tag: Martin Mosebach vs. Oliver Kahn

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EL TIME II (2017) © Lothar Eder 2017

 

„Das neue Bild von einer Karriere – nicht wie einstmals, die übertragene Tätigkeit immer besser zu verstehen und immer vollkommener zu durchdringen, bis man Meister geworden war, sondern jede Beschäftigung nur als Übergang, nur als Sprungstein für eine ganz andere zu begreifen …“

Martin Mosebach, Der Mond und das Mädchen, S. 17-18 der TB Ausgabe.

Fällt einem da nicht gleich das berühmte Zitat aus Schillers „Glocke“ ein – „Der Meister darf die Form zerbrechen, mit weiser Hand, zur rechten Zeit“?
Der Satz aus dem Roman von Martin Mosebach spricht ein Charakteristikum unserer Zeit an: den Menschen im Hamsterrad, das Unstete, das „In-Bewegung-bleiben-müssen“, die Verluste von Ort und Zeit. „Weiter, immer weiter“, heißt mit Oliver Kahn die Devise der Gegenwart.
Es in einer Tätigkeit zur Meisterschaft zu bringen, bedeutet eine andere Form des Weiterkommens. Sie ist nicht geprägt von Hetze, sie kennt die Gegenwart, das Verweilen, im Gegensatz zum ständigen Fortkommen. Sie ist ganz DA, ohne den Gedanken an ein Weiterkommen. Das DA-sein blickt zum Horizont, aber es muss nicht gleich in Sportkleidung darauf zulaufen. Es kann in seinem Zentrum bleiben, das es vorher ausgebildet hat.

Mein (un)poetischer Alltag: das Bergtrikot II – oder warum Kettenöl gut fürs Selbstbewußtsein ist

Letzte Woche kam ich nach meiner peinlichen Niederlage auf der „Bergetappe“ (5% Steigung auf ca. 80m) auf die glorreiche Idee, dass ich nicht mehr Kondition, sondern eine geschmierte Kette und Ritzel brauche. Gesagt, getan. Mein Tourenrad schnurrt seither wie ein Kätzchen und läuft – eben wie geschmiert.

Letzte Woche war leider Weiterlesen

Mein (un)poetischer Alltag. Heute: das Bergtrikot

Wie ich hier möglicherweise schon einmal angedeutet habe, erreiche ich noch dieses Jahr das Seniorenticketalter. Dies macht zwar einiges schwerer, vieles aber auch leichter.  Z.B. läßt so mancher Alltagsehrgeiz, der mich früher des öfteren anflog, einfach nach.

Naja, nicht immer. Gestern war Mittwoch. Und mittwochs fahre ich immer mit dem Fahrrad in die Praxis. Eine schöne Strecke, zumindest der erste Teil, denn er führt am Neckar entlang, bevor man dann nach ein paar Kilometern in Beton- und Asphaltwelten der Großstadt eintaucht.  Weiterlesen