DUSK – ein Tanztheaterstück von Nanine Linning am Theater Heidelberg

 

La Cumbrecita / Morro de los Gatos
Lothar Eder MORRO DE LOS GATOS (2015)

Modernes Ballett, das ist oft: getanzte Postmoderne. Will heißen: karge Bühne, Musik vom Band, unvermeidliche Videoeinspieler und sich schwer erschließende Bewegungsabfolgen. Andererseits habe ich die Choreographien von William Forsythe immer sehr genossen, ihre Unmittelbarkeit, ihre Virtuosität, ihre Entschlossenheit und ihre Poesie.

Am Theater Heidelberg arbeitet seit 2012 Nanine Linning als Chefchoreographin. Sie ist mittlerweile international sehr angesehen und verlässt das Theater aus diesem Grund bedauerlicherweise 2018, wie man hört in Richtung London.
Ihre aktuelle Produktion nennt sich „DUSK“. Im Programmheft heißt es dazu „An der Schwelle zwischen Ende und Neubeginn liegt ein Ort der Dämmerung, an dem sich die Zeit unendlich zu dehnen und gleichzeitig unausweichlich abzulaufen scheint.“ 12 Tänzer, Damen und Herren, ruckeln, schweben, gleiten, tänzeln in und durch den Bühnenraum, dehnen sich aus in weitausholenden Bewegungen, ziehen sich in sich zurück, ducken sich, recken sich ins Licht, mal im Ensemble, mal paarweise, mal alleine. Alle menschlichen Strebungen und Sehnsüchte, alle Ängste, alles Werden und Vergehen sind in dieser Aufführung, die gerade mal eine Stunde dauert, verdichtet auf die Bühne gebracht.
Kein Requisit stört, kein Schnickschnack ist zu sehen. Dafür reiner Tanz, die choreographierte Intuition der Körper. Zu erwähnen ist nicht zuletzt die Musik Mahlers, direkt gespielt vom Orchester. Eine Musik, die durch ihren fortwährenden Grenzgang zwischen Spätromantik und Moderne passende Stimmungen erzeugt. Hervorragend in seiner Balance zwischen Minimalismus und spätromantisch anmutender Poesie: das Bühnenbild. Man müßte sagen: die Bühnenbilder. Nebel und Wolken im Bühnenhintergrund in dynamischer Bewegung, aus denen Tänzer starr oder sich bewegend auftauchen und wieder verschwinden, und damit den programmatischen Titel bildhaft aufnehmen: stets an der Schwelle zwischen Entstehen und Vergehen. Die Dämmerung als geheimnisvolle Zeit, in der alles neu werden kann und doch noch geschützt ist vor dem harten Licht der hohen Sonne, alles kann noch Potenzial sein, gerade erst dem Unbewegten entstiegen.

Premiere war am Sa., den 11.11.2017. Weitere Aufführungen siehe DUSK – ein Tanztheaterstück von Nanine Linning am Theater Heidelberg

 

GENEIGTE LESERSCHAFT, WENN IHNEN DIESER BEITRAG ODER TEILE DAVON GEFALLEN, SCHEUEN SIE NICHT DAVOR ZURÜCK EIN LAIK („LIKE“) ZU HINTERLASSEN, VERBINDLICHSTEN DANK!

 

Das hoffnungsbestimmte poetische Denken, das die Welt immer wieder neu anfangen läßt (Peter Handke)

_DSC5354
Lothar Eder 2015

In seiner Rede zur Verleihung des Büchnerpreises 1973 legte Handke sein schriftstellerisches Selbstverständnis dar, das man in gewissem Sinne „radikal poetisch“ nennen könnte.
„Wie wird man ein poetischer Mensch?“ fragt er und läßt die Frage erst einmal unbeantwortet. Kurz vorher aber macht er deutlich, was mit einer poetischen Haltung zur Welt gemeint ist, wenn er auf das „hoffnungsbestimmte poetische Denken, das die Welt immer wieder neu anfangen läßt“ verweist.
Peter Handke, Die Geborgenheit unter der Schädeldecke, in ders.: Als das Wünschen noch geholfen hat, Frankfurt, Suhrkamp

 

Geneigte Leserschaft, wenn Ihnen dieser Beitrag oder Teile davon gefallen, scheuen Sie nicht davor zurück ein Laik („Like“) zu hinterlassen, verbindlichsten Dank!

Geheimnis des Waldes

Darßer Wald (C) Lothar Eder 2017
Darßer Wald (C) Lothar Eder 2017

„Geheimnis des Waldes“ heißt ein Gemälde der Landschaftsmalerin Elisabeth von Eicken. Sie war im 19. Jh. Mitglied der Ahrenshooper Künstlergruppe. Viele der Arbeiten zeigen Landschaften des Darß, dem großen Waldgebiet der Halbinsel an der Ostsee.
„Geheimnis des Waldes“ ist ein typisches Stimmungsbild der Spätromantik. Es zeigt einen Baum an einem Bach in der Lichtstimmung des späten oder frühen Lichts. Das Gemälde zeigt uns Natur in ihrer schönsten Form. Natur als Gegenüber und als Heimat. Der Mensch kommt aus dem Wald und der Wald ist ein Ort der Heilung, wie wir aus der neueren Waldforschung und der Immunologie wissen.

Was also liegt näher, als eine fotografische Serie zum Thema Wald „Geheimnis des Waldes“ zu nennen? Natürlich ist es auch die Nachbarschaft der Stelle am Darß, an der das Bild aufgenommen wurde,  zu Ahrenshoop, die mich zu diesem Titel veranlasst hat. Und auch eine kleine Verbeugung vor den Künstlern dieser Gruppe, die lange vor mir sich dieser herrlichen Landschaft mit ihren Lichtstimmungen gewidmet hat.

 

 

 

 

Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin

_DSC5778
Sternenstaub / Stardust 2017

Wenn man wie ich ursprünglich aus Niederbayern kommt, dort wo der Bayerische Wald liegt, fällt es nicht schwer, Menschen aus anderen Kulturen zu begegnen. Das Fremdartige fängt dann bereits in Oberbayern an, von München ganz zu schweigen. Norddeutschland beginnt spätestens ab Frankfurt, und Augsburg und Aschaffenburg sind eigentlich schon Ausland.

Doch im Ernst: Psychotherapie ist ein Begegnungsraum, in dem man Weiterlesen

Die Handschrift des Legionärs Franz Eckstein

 

THOMAS RIETZSCHEL ist ehemaliger Kulturkorrespondent der FAZ und arbeitet mittlerweile als freier Autor, u.a. für die „Achse des Guten“ von Hendryk M. Broder (www.achgut.com). Sein aktuelles Buch „Die Handschrift des Legionärs Franz Eckstein“ nennt sich im Untertitel „Spurensuche eines Jahrhunderts“. Es ist die auf Fragmenten der Handschrift von Franz Eckstein beruhenden, in weiten Teilen fiktionale Geschichte eines jungen Dresdners, der in der zweiten Hälfte des 19. Jh. der kleinbürgerlichen Enge entfliehen wollte und sich für 5 Jahre der französischen Fremdenlegion anschloß.
Rietzschel versteht es auf wunderbare Weise, diese Geschichte nicht nur mit der Biografie seiner eigenen Familie zu verweben. Vielmehr läßt er daraus ein Zeitportrait entstehen, das von der Gründerzeit bis in die Nachkriegszeit in der DDR reicht. Der Autor verfügt nicht nur über eine wunderbare Sprache, sondern auch über ein herausragendes erzählerisches Talent. Darüberhinaus zeichnet er gleichsam mit leichter Feder die Entstehungsgeschichte des deutschen Bürgertums. Dabei läßt er anklingen, wie fragil das Gebilde der Civitas ist: es erfordert Mut, Tatkraft, friedliche Bedingungen und die Rechtssicherheit, die auf dem römischen Recht basiert. All dies europäische und hier insbesondere deutsche Faktoren, die heutzutage so leichtfertig als „nicht erkennbar“ vom Tisch gewischt werden.
Auch für das heutige juste milieu mit seiner angeblichen moralischen Überlegenheit gegenüber den Ahnen hat Rietzschel einige Bemerkungen parat, die er elegant in seinen Text einwebt. Zitiert sei eine Textstelle auf Seite 33: „Die sprichwörtlich gewordene Gnade der späten Geburt verführt die Nachkommen ja allemal zu naseweisem Moralisieren. So lässt sich Geschichte mühelos instrumentalisieren. Um sie zu verstehen, wollen wir aber versuchen, die Vergangenheit zuerst mit den Augen derer zu sehen, für die sie Gegenwart war.“ Wie wahr, möchte man anfügen. Und dies als Motto für alle ausgeben, die sich, im kuscheligsten Frieden aller Zeiten, mit vollem Kühlschrank und dem allerneuesten Mobiltelefon ausgestattet, jederzeit zu Anklägern und Richtern derer aufspielen, auf deren Schultern sie stehen.

Martin Mosebach als Systemiker

Kopierrechte Lothar Eder 2014

Gegen Ende des Romans „Der Mond und das Mädchen“ stoße ich auf eine kleine Textpassage, die mich an systemisches Denken erinnert. Sie lautet: „Wir lernen die Menschen eigentlich erst kennen, wenn wir ihnen in ihrem Milieu begegnen und plötzlich begreifen, daß sie mit ihren unpersönlichen Eigenschaften doch nur ein Mosaikstein sind und damit Teil eines großen Bildes“ (S. 178-79 der TB-Ausgabe)

Nun, das trifft auf den Einzelnen im Kontext seiner Familie durchaus zu. Denn unsere scheinbar so individuellen Eigenheiten können uns als Fortsetzung oder als Zitat einer Familienkultur erscheinen, wenn wir uns mit unserer Herkunftsfamilie, auch über mehrere Generationen hinweg, befassen. Sätze wie „du bist wie der Opa“ haben also durchaus ihren Sinn und ihre Berechtigung.

Es kann eine große Befreiung in dieser Art der Betrachtung liegen. Zwar verlieren wir einerseits scheinbar unsere Einzigartigkeit. Aber das Verstehen, aktueller Ausdruck eines Familiensystems zu sein, das sich gewissermaßen selbst über die Zeit fortschreibt, kann uns beim Verstehen unserer selbst helfen. Helfen bei den drei entscheidenden Lebensfragen: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Die Rückversicherung der Herkunft hilft, ist gewissermaßen Antrieb, nun den eigenen Weg zu gehen. Mit den Menschen, die wir an unserer Seite haben.

Über Veränderung: noch einmal Martin Mosebach

„Es war etwas geschehen […]. Ein gesunder, junger Mensch stellt sich Veränderungen des Lebens stets als äußeres Ereignis vor: ein neuer Beruf, eine neue Liebe, ein großer Erfolg, neue Menschen, eine neue Stadt, ein neues Land. Wer klug ist, mag hier auch allfälliges Unglück in Rechnung ziehen, denn wir bewegen uns auf dünnem Eis, unsere Schritte erzeugen ein Knistern, das der Lebenserfahrene hören kann, der Bruch der Eisdecke eines Tages ist das zu Erwartende. […] Ein philosophischer Augenblick war das, wenn man es recht bedachte und seine Schlüsse daraus zog. Solche Einbrüche hinzunehmen und gar anzunehmen und zu überwinden, wurde vom erwachsenen Menschen erwartet. Das Scheitern alles Pläne war immer mit einzurechnen.“

Martin Mosebach, Der Mond und das Mädchen, S. 89-90