Unfrisierte Gedanken zur Behandlung der Eilkrankheit – Das Langsamrennen

Dem französischen Philosophen Paul Virilio und seinem Untersuchungsschwerpunkt, der Dromologie, folgend, könnte man unser Zeitalter als ein dromokratisches bezeichnen. Dromologie ist die Disziplin, die sich mit dem Verhältnis einer Gesellschaft zur Geschwindigkeit beschäftigt. Bei uns muß alles immer schneller gehen – Jacques Tati hat dies mit seinem Postboten Francois und seinem Wahlspruch „Rapidité“ (s. Beitrag vom 12. September 2018, Beschleunigung und Beziehung: Jacques Tati) eindrücklich-humorig in Szene gesetzt. Der Alltag ist im digitalen Zeitalter noch mehr von zu erledigenden Aufgaben beherrscht, denn die scheinbar so hilfreichen Geräte wollen nicht nur ständig ge-apdejtet werden, sie fordern zudem unsere stete Beachtung. Wenn ich mit dem Hund auf den Neckarwiesen Weiterlesen

Letzte Sätze, Folge 4

In einem Schwall ergoß sich jetzt das Licht über den Park, den gestürzten König, die Vögel, tauchte alles in diesen grellen Überfluß der Helligkeit, mit der Tage anheben, die später in Regendüsterkeit verdämmern, ließ einen Augenblick lang jeden Umriß scharf und schwarz hervortreten, bis sich dann alles in ein überschwengliches Strahlen verschwendete, zum Katzengold und Funkeltrug kühler Frühlingstage zerfloß, schimmerte, flimmerte, glänzte, und sich in ein blendendes goldenes Beben auflöste, in dem all das, was mich über Monate begleitet hatte, zerging wie eine der Sonne anheimfallende Wolke, und in diesem über alles hinwegbrandenden Glanz verwandelten sich das Marschland jenseits des River Lea und der River Lea selbst in einen vom Meer kaum noch zu unterscheidenden Küstenstreifen, der sich wie Brandung hob und senkte und alles darauf Errichtete in dieser Bewegung untergehen ließ.
Esther Kinsky, Am Fluß

Fotografisches Kalenderblatt, 3. November 2018

 

Die beiden Fotografien im Titel wurden von mir beim aktuellen Lensculture Wettbewerb für S/W-Fotografie eingereicht.

Sie sind 2015 auf La Palma aufgenommen, an unterschiedlichen Stellen, beide Male aber hoch oben, auf über 1.000 Meter Höhe. Bei der Aufnahme hatte ich nicht den Gedanken, daß die beiden Fotografien zusammengehören. Als ich nach der Rückkehr in Deutschland das Material sichtete, war mir schnell klar, daß die beiden Bilder sich entsprechen. Beide Male hüllen massige Wolken einen Teil der Landschaft ein, der sichtbare Teil erscheint in dem harten Licht vollkommen dunkel, was durch die S/W-Gestaltung noch mehr zur Geltung kommt. Auch die jeweiligen Diagonallinien in jeder der beiden Aufnahmen entsprechen sich; diejenige im linken Bild läuft von links oben nach rechts unten, bei der rechten Aufnahme ist es umgekehrt.

Licht, Wolken, die ständige Bewegung und die Macht der Naturkräfte, das ist La Palma. Die Insel ist ein Geheimnis im Atlantik, sie beeindruckt mit ihrer Kraft und Dynamik und zwingt den Besucher zum Innehalten und zur Andacht in der Natur. So jedenfalls erlebe ich es und so höre ich es auch immer wieder von anderen Inselbesuchern.

 

Fotografien: MORRO DE LA CRESTA / MONTANA EL CALDERO  © Lothar Eder 2015

 

Zitat des Tages, 1. November 2018

Besonders wenn man älter wird, wird die Substanzlosigkeit der Dinge immer offenkundiger, die Zeit scheint rascher zu vergehen, sodaß man sich der Flüssigkeit fester Gegenstände bewußter wird: Menschen und Dinge werden wie Lichter und Wellen auf der Oberfläche des Wassers.

Allan Watts

(Dank an H.N. für das Zitat)

Letzte Sätze, Folge 3

Die Verwirrung legt sich, ich kann wieder richtige Sätze denken. Ich schließe daraus, daß ich meine Entscheidung überlebt habe. Am Flußufer spielt eine abgehalfterte Popgruppe auf einer Bühne. Um die Bühne herum sind ein paar Holzbänke, Tische und Sonnenschirme aufgebaut, außerdem eine Pommesbude und ein Bierausschank, Die Stadtverwaltung nennt dieses jährlich im Sommer wiederkehrende Angebot ein „Kulturprogramm für Daheimgebliebene“. Einzelne vereinsamte Kinder und Männer mit Biergläsern in der Hand suchen sich einen Platz unter den Sonnenschirmen. Ein paar Rentner wanken herbei und lassen sich stöhnend auf die Bänke sinken. Eine Handvoll Obdachlose kommen mit ihren Frauen und Hunden dazu. Es entsteht ein Bild wie nach der Apokalypse. Die Überlebenden müssen beruhigt werden. Ich gehöre zu ihnen, ich lehne mich gegen einen Baum. Die Musik ist laut und mittelmäßig, aber die Leute sind froh, daß es außer dem Verkehrslärm, den Polizeisirenen und dem Gedröhn der Flugzeuge noch etwas anderes zu hören gibt. Ich erhole mich von den Resten meiner Liebesmilitanz, bis ich sie nicht mehr spüre. Mir gefällt meine wirre Schweigelust und das Herumstehen in der öffentlichen Belanglosigkeit.
(Wilhelm Genazino, Die Liebesblödigkeit)

Ist das noch Jazz? – Eine kleine Nachtfahrt mit dem Michael Wollny Trio

Ich erinnere mich: als ich ihn, den damals, vor 10, 12 Jahren als neuen Star am Jazzhimmel gehandelten Pianisten das erste Mal auf der Bühne sah. An den jungen Mann, der aussah, als käme er gerade vom Abiturball (dem eigenen): großgewachsen, schlaksig, bleich, verwuschelte Haare, der sich artig vor dem Publikum verneigte und ein wenig unsicher wirkte. So als würde er Weiterlesen

Letzte Sätze, Folge 2

„Alles ist wie nicht geschehen … Es ist ein Tag im September, und wenn man aus den finstern und gar nicht kühlen Gräbern wieder ans Licht kommt, blinzeln wir, so grell ist der Tag; ich sehe die roten Schollen der Äcker über den Gräbern, fernhin und dunkel das Herbstmeer, Mittag, alles ist Gegenwart, Wind in den staubigen Disteln, ich höre Flötentöne, aber das sind nicht die etruskischen Flöten in den Gräbern, sondern Wind in den Drähten, unter dem rieselnden Schatten einer Olive steht mein Wagen grau vom Staub und glühend, Schlangenhitze trotz Wind, aber schon wieder September: aber Gegenwart, und wir sitzen an einem Tisch im Schatten und essen Brot, bis der Fisch geröstet ist, ich greife mit der Hand um die Flasche, prüfend, ob der Wein (Verdicchio) auch kalt sei, Durst, dann Hunger, Leben gefällt mir – „
(Max Frisch, Mein Name sei Gantenbein)
Fotografie: SEESTÜCK (Garafia) © Lothar Eder 2018

Letzte Sätze, Folge 1

„Er aber hatte sich nicht bewegt in all dem Trubel, hatte nur stumm zugeschaut, zugehört und versucht, zu verstehen und zu hören, was er hinter all dem hörte und sah, was er sah und hörte.
Es war eine Geschichte, die weiterging. Es war seine Geschichte.“
(Ulrich Schacht, Notre Dame)

 

Fotografie: „Über alle Tage weht der Wind“ © Lothar Eder 2013