Jetzt ist die Zeit, welche unsere germanischen Vorfahren Mittwinter nannten. Gerade in diesem Jahr kommt es manchen von uns vor, als würden wir in die Tiefen von Dunkelheit und Kälte eintauchen. Es scheint so, als habe das Leben sich verabschiedet; manche werden krank, andere fühlen sich erschöpft, klagen über körperliche Symptome oder sind mutlos und ohne Elan.
Auch wenn die Bäume kahl sind und die Blumen schlafen, birgt die Natur im Januar ihre eigene Schönheit.
Wolf-Dieter Storl
Viele von uns vergessen, in welcher Jahreszeit wir leben. Wie soll es auch anderes sein in einer Welt, die von Leistung und Konsum geprägt ist und die sich fast vollkommen von der Natur entfremdet hat. Die Digitalisierung wirkt hier wie ein Brandbeschleuniger, denn Abfolgen von „0“ und „1“ kennen keine Gefühle, keine Pausen, kein Wachsen und Vergehen und keine Jahreszeiten.

So entfernen wir uns zunehmend von unseren inneren Rhythmen, die an die äußeren gekoppelt sind. Damit verlieren wir auch das Verständnis für unsere Zustände und Wandlungen. Die „Schlappheit“, die viele derzeit erleben, wird als Versagen, als Krankheitssymptom o.ä. gedeutet, anstatt sie als Aufforderung unseres Organismus zu verstehen, innezuhalten und uns zu besinnen.
Die Natur erinnert uns daran, dass Ruhezeiten wichtig sind, um zu wachsen und zu gedeihen. In der Stille des Winters bereitet sich die Natur auf die Fülle des Frühlings vor
Wolf-Dieter Storl
Wenn wir uns an die Rhythmen der Natur erinnern – oder noch besser: uns mit ihnen (wieder)verbinden – dann verstehen wir von selbst, warum es uns so geht wie es uns gerade geht. Denn dieses Verstehen entsteht nicht im Kopf, sondern im Körper. Es entsteht aus der Resonanz mit der Natur.

Dazu braucht es zwei Dinge: Zeit, sich Zeit nehmen und draußen sein. Eigentlich ganz einfach. Und doch oft so schwer, weil es uns schwerfällt uns aufzuraffen. Und weil uns die angeblich fortschrittliche Lebenseinstellung ständig nahelegt, uns in vorgefertigte Kontexte einzufügen: Konsum, „coole“ Freizeitangebote, ständig „auf dem Laufenden“ sein und vor allem: nicht stillstehen, sondern „weiter, immer weiter“.
Da gibt es nur eins: Aussteigen. Immer wieder. Immer öfter.
In der Werbung, welche die Waren- und Konsumwelt bestimmt, kommt das nicht vor. Warum nicht? Ganz einfach: weil damit kein Geld verdient wird. Unsere Welt und das was in unsere Aufmerksamkeit rückt (oder gerückt wird), ist in großen Teilen an geldliche Abläufe gekoppelt. Da gerät das Einfache, Hilfreiche und Gute, das kein Geld kostet, leicht aus dem Blick. Aber es liegt vor unserer Nase, wir brauchen es nur aufzuheben.
Der Winter flüstert leise von Veränderung und Hoffnung, eine stille Erinnerung daran, dass nach dem tiefsten Schlaf das Erwachen folgt
Wolf-Dieter Storl
Wenn wir uns besinnen, uns Zeit nehmen, innerlich werden, dann befreien wir unsere Seele, weil wir ihr Hoffnung geben. Dann können wir spüren, dass das scheinbar Unbewegliche und Leblose um uns und in uns eine Zeit des Keimens ist.

Wir können verstehen, dass Untätigsein nicht bedeutet, dass nichts geschieht. Der Same und der Keimling brauchen keine Aktivität, um zu wachsen und neues Grün auszutreiben. Sie brauchen Licht, Ruhe und Zuwendung.
So sind das Stillstehen und der Stillstand, zu denen Körper und Seele jetzt einladen, kein Versäumnis, das mit „Disziplin“ „bekämpft“ werden muss. Denn eigentlich ist da kein Stillstand, sondern das innerlich wachsende Potential der künftigen Bewegung. Und das zu wissen, lässt uns einen anderen, einen hoffnungsvollen Blick auf den angeblich „toten“ Winter, die Kahlheit und auch so manch Erschöpfung in uns gewinnen.
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Worte: Lothar Eder © 2024
Titelbild: Evgeni Tcherkasski auf Pixabay
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