Liebe Leser,
ich muss Sie gleich vorwarnen: dies ist kein poetischer Text. Es gibt nichts unpoetischeres als den Krieg. Und am Krieg komme ich gerade nicht vorbei. Er steht vor mir und verschlägt mir die Sprache.

Aber von vorn: ich bin gerade auf der wunderschönen Kanareninsel La Palma, leider nur noch wenige Tage. Vor genau 35 Jahren, zum Zeitpunkt des Mauerfalls, war ich zum ersten Mal auf der Insel und seither ist sie so etwas wie eine zweite Heimat für mich geworden.
Damals, im November 1989 wäre nicht denkbar gewesen, was heute in Deutschland geschieht. Es war Umarmungszeit, Friedenszeit, es war eine Zeit der Verbundenheit unter den Deutschen. Niemand hätte sich damals vorstellen können, dass eine aus meiner Sicht vollkommen durchgeknallte Politikerelite in den Krieg gegen Russland ziehen will.

Damals gab es keine Mobiltelefone und kein Internet. Vom Fall der Mauer habe ich seinerzeit durch unsere aus Berlin stammende deutsche Vermieterin erfahren, die am 10. November in die kleine Appartementanlage kam und zur Feier des Ereignisses Piccolos an uns Bewohner verteilte.

Heute gibt es Mobiltelefone mit Internet. Ein Segen und ein Fluch. Vor drei Tagen ereilte mich der Fluch des Informiertseins. Wenn ich ehrlich bin, habe ich es nicht geschafft, am Meer sitzend, nicht auf mein Mobil zu schauen. Denn was ich sah, verdarb mir die Laune. In einem Videoschnipsel einer SPIEGEL-TV-Diskussionsrunde sprachen Michael Roth (SPD), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag und Jens Spahn (CDU), bekennender Impftaliban (= Impfpflichtbefürworter; ich weiß, dass dies eine sehr polemische Aussage ist. Aber Menschen, die sich nicht spritzen lassen wollen, mit Ausschluss aus der Gesellschaft und Existenzverlust zu bedrohen, ist gewalttätig und gegen das Grundgesetz meines Landes), der nun ein neues Hobby hat, nämlich Außenpolitik (welche er ebenso grauenhaft beackert wie vorher die Gesundheitspolitik) über die außenpolitische Position bzgl. des Russland-Ukraine-Konflikts nach der Wahl Trumps zum Präsidenten.

Ich wollte nicht glauben, was ich hörte. Und konnte die Mischung aus Angst und Wut, die mich erfüllte, erst nachts, als ich erwachte und lange nicht mehr einschlafen konnte, als solche identifizieren. Roth sagt tatsächlich, wenn Trump die Unverschämtheit besäße, mit Putin Frieden zu machen („Diktatfrieden“ nannte er das, wie einst alle Fraktionen des Reichstags nach dem WK 1 den Versailler „Diktatfrieden“), dann sollten „wir“ zu den Amerikanern gehen, ihnen alle Waffen abkaufen und sie der Ukraine geben. Ich würde gerne Herrn Roth fragen, wen er mit „wir“ meint. Ich habe den Verdacht, er meint damit nicht den Jens und sich selbst, die ihre Spardosen zusammenlegen und damit Waffen für die Ukraine zu kaufen.

Leider machte ich den weiteren Fehler, mir ein Filmchen von Friedrich „die Brandmauer“ Merz anzuschauen. Er sagte, wenn er Kanzler würde, werde er Putin zur Beendigung der Kampfhandlungen innerhalb von 24 Stunden auffordern, andernfalls werde er zum Beschuss des russischen Hinterlandes mit Taurusraketen auffordern.

Ich gestehe: mit dieser Wende der Ereignisse habe ich nicht gerechnet. Gerechnet habe ich damit, dass Trump mit Putin Frieden machen und damit das Töten beendet sein wird. Aber ich habe nicht mit dieser bizarren und erschreckenden Mixtur aus deutschem Größenwahn und suizidalem Todestrieb gerechnet.

Das Bizarre daran ist, dass – aus meiner Sicht – Roth, Spahn und Merz dieselbe seelische Verfasstheit aufweisen wie 83 Jahre zuvor die Nationalsozialisten. Hassgetrieben und geschichtsvergessen, ohne ein Gefühl für die eigene Größe (bzw. Kleinheit) brüllen diese von allen guten Geistern verlassen Gestalten zum Rußlandfeldzug. Nicht in meinem Namen, meine Herren! Aber nutzt das etwas? Ich sitze ja mit diesen Irren in einem Boot und die bestimmen, wo die Fahrt hingeht! Noch bizarrer finde ich, dass einer der beiden Parteien, die für Frieden mit Russland ist, eine Nähe zum Nationalsozialismus unterstellt wird.

Hätte ich 1989 geahnt, dass mein Land 35 Jahre später den nächsten Russlandfeldzug plant, ich hätte womöglich damals schon erwogen, Deutschland zu verlassen. Jetzt ist es eine naheliegende Überlegung. Russlandfeldzüge gehen nicht gut. Sie enden in Stalingrad und unermesslichem Leid. Das neue Stalingrad wird nicht mehr in Russland liegen. Es wird in Deutschland liegen und in anderen Teilen von Zentraleuropa.

Ich wäre dafür, den Michael, den Jens und den Friedrich und auch die Marie-Agnes und alle anderen die gegen Russland ziehen wollen, sofort in die Kleiderkammer zu schicken, sie mit Uniformen, Stahlhelmen und Sturmgewehr auszustatten und sie an die ukrainische Front zu schicken. Denen mangelt es offenbar ohnehin an Soldaten. Um keine Missverständnisse entstehen zu lassen: keinem dieser Menschen, so schrecklich ich sie finde, wünsche ich Verwundung oder gar den Tod. Aber die Erfahrung des Schreckens des Krieges. Denn es sind nie die Maulaffen und Geiferer und Hetzer in den Amtstuben, den Ausschüssen, den Ministerien, es sind nie diejenigen, die hinter den großen Schreibtischen der Waffenhersteller sitzen, es sind nicht sie und es sind auch nicht ihre Söhne, die kämpfen. Würden sie selbst in den Krieg ziehen müssen, es gäbe keinen mehr.

Lothar Eder

Titelbild und Beitragsbilder: Любитель фотограф (Alexfas), Rob Maggs und Amber Clay auf Pixabay
Beitragslied: MASTERS OF WAR, Bob Dylan (1963), Quelle: Youtube
Autor und Redaktion: Lothar Eder © 2024

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