Meinem bewußten Denken war klar, dass am 1. Februar Imbolc ist. Die Zeit also, in welcher die Frühlingskraft anbricht, symbolisiert durch Brigid oder Birgit, die Lichtbringerin. Der Zeitpunkt fällt zusammen mit dem 2. Vollmond nach der Wintersonnwende.
Mein Kopf also wußte es und überlegte, wie ich und wir es begehen würden, denn an einem Gruppenritual würden wir dieses Jahr nicht teilnehmen können.
Es war ein Werktag einige Tage vor dem Schwellenfest, eigentlich ein ganz normaler Arbeitstag. Am Nachmittag war ich wie alle vierzehn Tage zu einer energetischen Behandlung gewesen. Danach ging ich wieder in meine Praxis und bemerkte in meinem Körper eine innere Bewegung, die mit Anspannung und Unlust einherging. Auch die Nachmittagspatienten waren therapieunlustig und so war die Arbeit zäh und irgendwie unbefriedigend. Im Anschluss wollte ich noch einiges am Schreibtisch erledigen, aber in mir regte sich gewaltiger Widerstand. Mein Organismus wollte sich nicht mehr mit Arbeit beschäftigen, er wollte auch nichts mehr lesen, keine youtube-Filmchen mehr anschauen, er wollte nicht mehr nach draußen gehen, er wollte nicht mehr sprechen, nichts mehr hören und nichts mehr sehen.
Wirr wird mir
Wild und kraus
kreist die Welt!
Erda, Ring des Nibelungen

Ich hatte ein Einsehen und akzeptierte diesen Zustand, was mir nicht leicht fiel, denn ich hatte mir einiges vorgenommen. Also aß ich mein Abendessen und ging sehr früh schlafen. Ich spürte die Spannung im Körper, die sich in leichten ziehenden Schmerzen bemerkbar machte und wusste aus Erfahrung, dass Ruhe die beste Medizin ist.
Wir sind es gewohnt, ständig zu machen, zu tun, für Dinge zu sorgen, zu ermöglichen, zu verhindern, uns anzustrengen. Aber oft genug ist es für uns, unsere Gesundheit, unser Wohlbefinden, am besten, uns einfach der Großen Kraft hinzugeben. „Große Kraft“? Was ist das richtige Wort für den größerem Zusammenhang, in dem wir leben, aus dem wir kommen, in den wir gehen? Der uns einholt und gemahnt, wenn wir ihn zu weit verlassen und unseren Eigen-Sinn, unsere Eigen-Heit und unseren Eigen-Rhythmusverlassen und so tun, als wären wir von der Natur und vom Organischen losgelöste Wesen, die vom Kopf her bestimmen, was jetzt zu geschehen hat.
Wie alles war – weiss ich;
wie alles wird, wie alles sein wird,
seh‘ ich auch, –
der ew’gen Welt Ur-Wala.
Erda, Ring des Nibelungen

Ich übergab mich dem Schlaf. Ich sank ein. Ich sank in die Tiefe. Immer wieder wachte ich auf und spürte meinen Schmerzkörper. Aus der Erfahrung wusste ich, dass die Energiebahnen sich entladen, regenerieren und neu ausrichten wollen und dass sie dafür vor allem eine brauchten: Nicht Tun, unangestrengtes Da-Sein, Ruhen. Mehrmals musste ich auf die Toilette, mein Organismus wollte alles Alte, Verbrauchte, Modrige, Trübe, Gestaute, Nicht-mehr-Brauchbare loswerden. Es war mehr, als ich am Tag über zu mir genommen hatte.
Gegen Morgen, im ersten Erwachen, wusste ich dann, was geschah. Ich verstand dieses Eintauchen. Die klaren Träume, wie zum Greifen, unmittelbare Wirklich-Keit für mich als den Träumer in diesem Augenblick und schon Minuten später, aber den Nachhall noch in allen Knochen und Kammern der Seele. Es waren Träume, die die Hindernisse, die Reinigung, die Erneuerung und die Neue Kraft widerspiegelten.
Mein Schlaf ist Träumen,
mein Träumen Sinnen,
mein Sinnen Walten des Wissens.
Doch wenn ich schlafe,
wachen Nornen:
sie weben das Seil
und spinnen fromm, was ich weiss.Stark ruft das Lied;
kräftig reizt der Zauber.
Ich bin erwacht
aus wissendem Schlaf:
Erda, Ring des Nibelungen
In der Hingabe an den Schlaf war ich eingesunken in die Tiefe, hinab zur Holle, der Göttin tief in der Erde, zur Erda, die in der Unterwelt herrscht. Dort, wo alles sich wandelt, das Alte sich zersetzt und das Neue entsteht. Kein Ende, sondern Wiederanfang.
So ist es in der Natur, so ist es in uns, denn wir sind Natur.
Tagsüber dann meldete sich die zynische Vernunft in mir und sagte: ist das nicht alles ein wenig überhöht und mystifiziert, ausgedacht und ersponnen? Aber eine andere, eine intuitive und nichtbewertende Stimme sagt mir: du bist eingetaucht in die tieferen Welten, du hast dich regeneriert in der Tiefe, du hast entgegengenommen statt zu „machen“ und du spürst, wie wohl dir damit ist. Und dann erkannte ich, dass es die Stimme meiner Seele war und ich stimmte ihr zu.
Wo Wesen sind,
wehet dein Atem;
wo Hirne sinnen,
haftet dein Sinn:
alles, sagt man,
sei dir bekannt.
Wotan an Erda, Ring des Nibelungen
Meine Füße stehen auf festerem Grund
Ich bin verbunden mit meiner Mitte
Mein Blick geht weiter zum Horizont

Beitragstext: Lothar Eder
Bilder: pixabay, Lothar Eder