Der neue Genazinoroman ist wie die vorhergehenden. Ein entwurzelter Mann ohne Beruf und Perspektive schlafwandelt durch sein Leben und beobachtet Alltagsphänomene im Außen und Innen. Jedoch ist es stets faszinierend, wie es Genazino immer wieder aufs Neue gelingt, scheinbar banalen seelischen Abläufen eine Tiefe zu geben.
Die tiefere Einbettung des seelischen Innenlebens seines Protagonisten, seinen Ursprung, deutet G. immer wieder nur an. Er tut dies ohne jede Dramatik. Scheinbar nebenbei streut er einen Satz hin, bei dem man innehält. Der im Innehalten einen Raum öffnet. Einen Raum voller Bedeutungen, die aus der Vergangenheit herrühren. Einer dieser Sätze betrifft die Erinnerungen der männlichen Hauptfigur, die, wie fast immer, aus der Ichperspektive erzählt und namenlos bleibt. Der Protagonist erinnert sich im Verlaufe der Handlung (die ja den Namen „Handlung“ kaum verdient, weil sie vordergründig nur alltägliche, unerhebliche Geschehnisse enthält) immer wieder einmal an seine Eltern. Dabei sticht die Verlorenheit der Eltern hervor. Und diese Verlorenheit wird erklärt. Nebenbei. Ein Satz aus dem Roman deutet die zeitgeschichtliche Einbettung dieser Verlorenheit an. Nein, er deutet sie nicht an, er stellt sie fest – „Es war Nachkriegszeit, aber es herrschte nach wie vor die Not eines immer noch weitergehenden Krieges“. Mehr muß in einem Roman darüber nicht erzählt werden. Sabine Bodes Bücher über die Kriegsgeneration, die Kriegskinder, deren Kinder und Enkel geben hier vertieft Auskunft.

Und eben diese Namenlosigkeit der Figur läßt sie zu einer allgemeinen Figur werden. Genazino gelingt es hier einmal mehr, die tragische Tiefendimension eines Angehörigen der deutschen Nachkriegsgeneration ebenso wie die Entwurzelung des Menschen in der Spätmoderne auf eine hinreißend poetische Weise zu erzählen.

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