Kurz vor Weihnachten hatte ich eine Therapiesitzung mit einer Patientin, die schon lange zu mir kommt. Als sie vor 3 Jahren erstmals zu mir kam, war sie tief erschöpft. Sie hatte das, was man mit dem zeitgeistlichen Wort Burnout bezeichnet; der Mensch kann nicht mehr, er hat keine Kraft mehr, keinen Mut und keine Freude.

Wir haben viel gearbeitet an ihren viel zu hohen Ansprüchen an sich selbst; daran, wie sie sich selbst gnadenlos antreibt und wie sie sich mehr abgrenzen kann gegenüber dem Vielzuviel, das heute an vielen Arbeitsstellen verlangt wird. Immer im Einsatz, immer präsent, alle sollen möglichst andauernd engagiert sein für das Unternehmen, ständig werden Neuerungen eingeführt, für die man sich begeistern soll und über allem schwebt das große Wort von der Selbstoptimierung.

Dass das nicht geht, wissen eigentlich alle, aber keiner will es wahrhaben, schon garnicht die jungen dynamischen Chefs der mittleren Führungsebenen, die gerade von der Uni kommen und den Auftrag haben, in den 2, 3 Jahren ihrer Verantwortung für eine Abteilung möglichst keinen Stein auf dem anderen zu lassen. Damit ist das gegeben, was Fachleute eine ständige Veränderungszumutung nennen. Die kann niemand auf Dauer vollbringen oder ertragen. Auch das wissen eigentlich alle, aber auch das will kaum jemand wahrnehmen.

Der Preis dafür schlägt sich in den Krankenstatistiken nieder. Wer den Weg zur Psychotherapie findet, hat damit oft den Grundstein für eine Heilung von dieser Zuvielisationserkrankung gelegt. Vordergründig leben wir in einer Zivilisation. Bei genauer Betrachtung aber ist unsere konsumistische Leistungsgesellschaft eine Zuvielisation; zuviel Information, zuviel Anforderung, zuviel fremdbestimmte Arbeit, zuviel Vertrauen auf Konsum als Quell der Freude und zuwenig Freude, die von Grund auf kommt.

Nachdem wir intensiv gearbeitet haben, konnte meine Patientin nach eineinhalb Jahren Krankschreibung wieder in die Arbeit einsteigen. Es fiel ihr schwer, aber mit Hilfe von mehr Selbstliebe, Achtsamkeit und Abgrenzung gelang ihr der Wiedereinstieg und die Arbeit machte ihr sogar wieder Freude.
Mittlerweile fanden unsere Sitzungen in größeren Abständen statt, um sie weiter zu stabilisieren und anfallende Schwierigkeiten zu besprechen.
Nun saß sie mir also wenige Tage vor Weihnachten gegenüber und klagte, dass sie so müde und lustlos sei und deshalb die Angst aufkomme, dass nun wieder alles so schlimm kommt wie damals.

Ich fragte sie, ob ihr denn bewußt sei, in welcher Jahreszeit wir leben? Sie schaute mich erstaunt an. Wir sind kurz vor der Wintersonnwende, erklärte ich ihr, das Licht und die Energie werden weniger, alles in der Natur zieht sich zurück in den Kern. Und wir Menschen sind Natur. Jetzt von sich zu verlangen, leistungsfähig zu sein wie im Frühjahr und im Sommer, oder gar mit Begeisterung neue Projekte zu starten ist genauso, als würde man vom Apfelbaum verlangen, dass er jetzt anfängt zu blühen. Ja, wir können kreativ sein in dieser Zeit, aber wir brauchen auch mehr Zeit zum Innehalten und zur Regeneration.

Wir haben auch in Europa ein altes Wissen um die Notwendigkeit des Zur Ruhe Kommens. Unsere Verfahren, die noch nicht von der Natur entfremdet, sondern in sie eingebunden waren, wußten einfach von ihrem Lebensgefühl her, dass es natürliche Zeiten der Stille, der Einkehr und des Nicht-Tuns gibt.
Die keltischen und germanischen Völker des nördlichen Europas begingen zur Wintersonnwende das Yulfest, die Wiedergeburt des Lichtes (s. auch Julfest – 21. Dezember 2022).

Nun werden die vielwissenden Frauen aktiv, die drei göttlichen Weberinnen. Es sind die Nornen („Raunende“), die den Schicksalsfaden der Welt und jedes einzelnen Menschen weben. Vielleicht kommt daher auch der Name der Raunächte, also nicht nur vom Räuchern („Rauchnächte“), sondern auch vom Raunen. Sie sind die Töchter der Urgöttin Erda (Edda) und besonders zu dieser Zeit weben sie die Schicksalsfäden am Fuße der Weltesche Yggdrasil ineinander. Ihre Namen sind Urd (das Schicksal, das Gewordene), Verdandi (das Werdende) und Skuld (das was sein soll).

Das Gefühl, dass wir nun genug haben von Aktivität, keine weiteren Reize mehr haben wollen und es uns nach Rückzug und Stille zumute ist – unsere Seele also eigentlich sagt „wegen Überfüllung geschlossen“ – ist demnach natürlich und alles andere als verkehrt oder gar krank. Die Raunächte vom 25. Dezember bis zum 6. Januar sind die perfekte Zeit zum Innehalten. Es ist die Zeit, in der wir unserer Seele die Steuerung überlassen können. In der wir unseren Träumen, Ahnungen und inneren Stimmungen und Bildern nachspüren dürfen. In der wir die äußere Aktivität ruhen lassen, um die Nornen möglichst nicht bei ihrer Arbeit zu stören. In der wir meditieren, Gemeinschaft pflegen und nach alter Tradition auch räuchern, um uns einzustimmen.

Wir notwendig ist dies doch in dieser Zeit der vordergründigen Fülle, die sich bei genauer Betrachtung als Leere erweist. Wenn wir uns aber bewußt machen, dass nun das Licht neu geboren wird, dass aus der Ruhe, der wir Raum geben, neue Kraft entstehen kann, dann kann die Schwermut weichen und Zuversicht entstehen.

Meine Patientin zumindest ging deutlich erleichtert und frohgemuter aus der Sitzung als sie gekommen war.

Text: Lothar Eder
Beitragsbilder: Lothar Eder, Thaliesin auf Pixabay

3 Gedanken zu “Wegen Überfüllung geschlossen – Die Raunächte als Zeit des Nicht-Tuns

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