Seit langem gilt in der Psychotherapie der Satz „Reden reicht nicht“.
Denn wir sind Körper, unsere Emotionen sind körperlich und unsere Blockaden sind im Körper. Wie aber können wir den Körper als Instrument der seelischen Heilung nutzen? Wie kann er sich zum Ausdruck bringen und uns helfen, das, was uns belastet, loszuwerden?
Eugene Gendlin, eigentlich Österreicher und während der NS-Zeit nach Amerika emigriert, hat hier eine interessante Zugangsweise entdeckt und entwickelt.
Gendlin entwickelte den Begriff des felt sense, was man mit „gefühlte Bedeutung“ übersetzen könnte. Was ist damit gemeint? Wenn wir in die Achtsamkeit, ins Gewahrsein gehen, dann können wir bemerken, dass jede Situation sich auf eine bestimmte Weise „anfühlt“. Jenseits der Worte entsteht, wenn wir dem Raum geben, eine bestimmte Empfindung. Und genau diese Empfindung erzählt uns gewissermaßen, wie die jeweilige Situation wirklich für uns ist. Das bewußte Denken, unsere inneren Vorgaben, Anforderungen, die wir erfüllen wollen etc. erzählen uns oft nicht die „wirkliche Geschichte“, wie eine Situation, ein Erleben, eine Begegnung mit einer Person für uns ist.
Einzig der Körper gibt uns hier eine authentische Antwort, denn die Empfindung ist unmittelbar, sie ist nicht korrumpiert durch Denken und Bewerten.
Die Kunst, die Gendlin entwickelte, nennt sich Focusing – wir fokussieren unsere Wahrnehmung auf die Empfindung, die in uns als Reaktion auf eine Situation entsteht und versuchen, sie be-greifbar zu machen und auf den Be-Griff zu bringen.
Ich durfte diese Kunst vor einigen Jahren bei meinem Kollegen Hans Neidhardt lernen. Obwohl ich mich nicht im engeren Sinne als Focusingtherapeut verstehe, begleitet mich diese Herangehensweise beständig in meiner therapeutischen Arbeit und auch in meinem privaten Alltag.
Für mich hat sich der Satz herausentwickelt:
WENN DU VERSTEHEN WILLST, WIE EINE SITUATION WIRKLICH FÜR DICH IST UND WAS DU TUN (ODER LASSEN) SOLLST, FRAG DEINEN KÖRPER UND BITTE IHN UM EINE ANTWORT.
ER WIRD ES DIR MIT WOHLBEFINDEN DANKEN, JE MEHR DU DIES ANWENDEST.
Somit verneige ich mich zusammen mit Hans vor Eugene Gendlin mit dem Kalenderblatt von November 2024, in dem Hans ein Zitat von Gendlin kalligrafisch umgesetzt hat:

Der Körper ist Interaktion, er ist die Wechselwirkung mit der Umwelt … Wenn ich nicht da bin, ist meine Situation auch nicht da … Wir erleben die Situation nicht nur mit dem Körper, wir kreieren die Situation auch mit dem Körper.
Eugene Gendlin
Worte: Lothar Eder
Kalligrafie: Hans Neidhardt