Wenn ich mich in meinem privaten und beruflichen Umfeld umhöre, dann begegnen mir in letzter Zeit wiederkehrend ein großer Pessimismus und eine geringe Zuversicht. Die Menschen beteuern, dass die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen und die sich daraus ergebenden schlechten Aussichten daran Schuld seien. Es ist mir aufgefallen, dass ich diese Haltung bei mir selbst nicht finde. Im Gegenteil, ich entdecke in mir eine gewisse Grundzuversicht, und ich habe mich gefragt, wie ich eigentlich dazu komme. Einerseits mag dies daher kommen, dass ich die politischen Entwicklungen anders einschätze als der sogenannte „Mainstream“. Ich mache mir auch keine Sorgen um das Klima. Meine Kriegsangst ist aufgrund des Ausgangs der Wahlen in den USA deutlich gemindert.
Aber das allein ist es nicht. Und deshalb habe ich mich gefragt: aus welcher Quelle kommt die Zuversicht? Oder noch pragmatischer formuliert: was können wir tun, um Zuversicht „herzustellen“?



Ich habe mir die Frage gestellt, was denn Zuversicht eigentlich ist. Als Antwort kam mir, dass sie eine innere Haltung darstellt, die von positiver Erwartung gekennzeichnet ist. Zuversicht verbinde ich mit einer frohen Stimmung, mit innerer Entspannung und mit Kraft. Wenn ich zuversichtlich bin, dann erwarte ich eine positive Entwicklung. Oder ich fühle die Kraft in mir, in einer misslichen Lage zu bestehen. Mich nicht unterkriegen zu lassen, dem Sturm zu trotzen, und im besten Fall biegsam zu bleiben wie ein Grashalm, der eben deshalb nicht knickt.
Und es gehört Selbstwirksamkeit dazu. Das Gefühl, dass ich etwas tun kann, um z.B. eine unangenehme Situation zu verändern oder mich darin einzurichten, wenn ich sie nicht ändern kann.



Aber all das liefert ja noch keine Antwort auf die Frage: woher kommt Zuversicht? Und wie kommt es, dass die einen ein trübes Bild malen, während die anderen guter Hoffnung sind?
Es kommen mir einige Faktoren in den Sinn, welche als Quelle für Zuversicht infragekommen. Zuallererst ist es eine Frage der Bindungssicherheit, die wir als Kinder erfahren haben. Die allerwenigsten von uns haben als Kinder das erfahren was ein Menschenkind braucht: durchgängigen Körperkontakt in den ersten drei Lebensjahren, Schutz, Geborgenheit, Resonanz und Zuwendung. So haben es die ersten menschlichen Zivilisationen in der Jungsteinzeit gehalten. Wir wissen es von den indigenen Völkern rund um die Welt, welche die invasive Dominanz der sogenannten „westlichen Kultur“ einigermaßen heil überstanden haben. Warum haben wir es nicht so erfahren dürfen? Weil die Älteren unter uns in der Regel Eltern hatten, die durch die schwarze Pädagogik des Totalitarismus, den Krieg und auch Vertreibung traumatisiert waren. Und die Jüngeren unter uns geben aus ökonomischer Not oder falsch verstandener Emanzipation ihre Kinder viel zu früh in die Fremdbetreuung ab. Aber auch die beste Kita kann die Mutter nicht ersetzen.
Sicher können wir unsere Traumata heilen; durch gute Beziehungen in der Gegenwart, das ist die horizontale Ebene der Bindung. Aber es braucht auch die vertikale Bindung: zur geistigen Welt, zum Lebendigen, zur Kraftquelle, zu Mutter Erde. Da gibt es viele Bezüge, viele Namen. Aber alle meinen sie letztlich das gleiche, davon bin ich überzeugt.



Damit bin ich schon bei der Quelle von Zuversicht, die für mich den meisten Unterschied zwischen den „Zuversichtlichen“ und den „Verzagten“ ausmacht: es ist die Verbindung zur Natur. Damit meine ich nicht den Unterschied zwischen denen, die einen Garten haben zu denen die keinen haben. Auch nicht die Wanderer im Gegensatz zu den Netflixjunkies. Man kann einen Garten haben und dennoch nicht mit der Natur verbunden sein – man denke an die getrimmten Gärten, die gewissermaßen strammstehen, wenn ihre Besitzer sie betreten.

Der entscheidende Punkt scheint mir derjenige der Verbundenheit mit im Gegensatz zur Trennung von der Natur zu sein. Natur. Das kommt von lat. natus = geboren. Allein dadurch wird klar, dass das was außen ist, auch innen ist. Wir sind geboren wie jeder Baum, jeder Vogel und jeder Schmetterling. Wir selbst sind entstanden, wir wachsen und vergehen. Die indigenen Völker wußten das und sie haben die Verbindung gespürt zum Vogel, zum Baum und zum Bach. Sie haben intuitiv „gewußt“, dass das Fließen des Baches dem Fließen in ihrem Inneren entspricht. Sie haben gewußt, dass der Bach sie deshalb „erkennt“. Und dass das fließende Blut in ihnen, ihre Lymphflüssigkeit und alles was im Menschen fließt, den Bach als seinen Bruder erkennt. Andreas Weber beschreibt das wunderschön in seinem Buch Essbar sein.

Wer in und mit der Natur lebt, der erlebt, dass alles zyklisch ist. Er erlebt, dass jedem Vergehen ein Werden folgt und jedem Werden ein Vergehen. Der erlebt, dass alles lebt, pulsiert und nach Licht und Wachstum strebt. Und dass der Tod nur ein Innehalten des Lebens vor dem nächsten Werden ist. Der erlebt nicht Montag, Dienstag bis Freitag und Wochenende. Der erlebt nicht Arbeitszeit und Freizeit oder Urlaub. Er erlebt Zeiten des Säens, der Pflege, des Wachsens, der Ernte, des Verzehrs, des Vergehens, des Ruhens und des Neubeginns. Das ist ein anderer Rhythmus als derjenige der Arbeits-, Leistungs- und Konsumwelt. Der – Frau oder Mann – weiß um das Werden, das auf jedes Vergehen folgt. So, denke ich mir, entsteht Zuversicht. Wenn ich mir die Chance gebe, dass mein Blut den Bach als seinen Bruder erkennt und sich verbunden fühlt mit der Pflanze, in deren Adern das Chlorophyll strömt. Wenn mein Herz sich mit der Amsel freut, die in der Morgendämmerung ganz da oben auf dem Baum zu singen beginnt. Und wenn meine Erinnerung weiß, dass all diese Kälte und Starre des Winters in sich schon das neue Leben und das Wachsen birgt.

In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern der Radikalen Poesie ein Frohes Neues Jahr 2025!

Lothar Eder

Worte und Beitragsbilder: Lothar Eder © 2025

2 Gedanken zu “Auf ein gutes Neues Jahr 2025 – Zuversicht

  1. dir auch ein gutes neues jahr. hinsichtlich deiner frage – ich denke, es hat einerseits mit fokus zu tun, auch mit der verbindung zum spirituellen, zur natur. es hat auch mit dem empfinden von selbstwirksamkeit zu tun und mit dem, durch was man gegangen ist und welche schlüsse man daraus gezogen hat.

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