An Ostern feiern wir den Neubeginn des Lebens. Nach der Zeit des Winters, des Todes und des Vergehens, beginnt nun das Leben von neuem. Wir erleben dies in der Natur und wir erleben es in uns.
„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche / Durch des Frühlings holden, belebenden Blick / Im Tale grünet Hoffnungs-Glück / Der alte Winter, in seiner Schwäche / Zog sich in rauhe Berge zurück“ heißt es bei Goethe.
Das Dunkle, das nach innen Gekehrte, das Zurückhaltende ist nun vorbei und der Strom des Lebendigen bricht sich Bahn. Das Grün in der Natur ist nicht mehr aufzuhalten, es blüht allenthalben, es summt und die ersten Schmetterlinge sonnen sich auf Blättern und Steinen.
Auch in uns will es nun wachsen, auch wenn manche Frühjahrsmüdigkeit sich noch hartnäckig hält. Aber auch die Menschen drängt es nun nach draußen, zur Sonne, zum Licht.
Ostern – in unserem europäischen Kulturkreis haben wir zur gleichen Zeit zwei Herangehensweisen an diese Schwelle im Jahreskreis.
Die eine ist die alteuropäische, also germanische, keltische, aber auch slawische. Die andere ist die christliche.
Oft werden sie als Gegensätze beschrieben. Hier die naturspirituellen Germanen und Kelten, die sich im Rhythmus des Jahreskreises mit den Kräften verbinden, die gerade walten. Dort die Christen, welche den Tod Jesu am Kreuz und seine Auferstehung feiern.

Beide aber verbindet dasselbe, tief menschliche Thema: die Überwindung des Todes und die Wiedergeburt des Lebens. Diese Sehnsucht lebt sowohl in der Verbindung mit den göttlichen Kräften der Germanen und Kelten als auch im rituellen Nachvollzug der Kreuzigung und der Auferstehung von Jesus durch die Christen.
Der vermeintliche Gegensatz von alteuropäischer und christlicher Sicht hat historische Wurzeln. Die römische Kirche hat die Germanen ab dem 8. Jh. mit Gewalt und Zwang zum vermeintlich einzig richtigen Glauben bekehrt. Und sie hat die traditionellen Kultstätten, heilige Bäume und Felsformationen, zerstört. Diese Respektlosigkeit und diese Gewalt wirken bis heute nach und lassen uns denken, dass wir die Welt entweder christlich oder alteuropäisch anschauen, erfahren und begreifen.
Jesus selbst allerdings war wesentlich naturverbundener als seine Missionare. Es ist schwer vorstellbar, dass er irgendjemanden mit Gewalt von seiner Botschaft hätte überzeugen wollen. Sicherlich hätte er auch die heiligen Eichen der Germanen nicht fällen lassen. Vielmehr hätte er sie als Teil der heiligen Schöpfung verstanden.
Er ehrte die Lilien auf dem Feld; viele seiner Gleichnisse beziehen sich auf Pflanzen und Tiere. Und im Johannesevangelium spricht er vom Lebendigen als den „Strömen lebendigen Wassers“, das durch innere Kultivierung aus uns fließen kann.
Ostern kann also beides sein: das Fest der Auferstehung und die Feier der germanischen Frühlingsgöttin Ostara. Beide feiern die Überwindung des Todes und das Neuentstehen des Lebens.
Bild und Text: Lothar Eder