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Sternenstaub / Stardust 2017

Wenn man wie ich ursprünglich aus Niederbayern kommt, dort wo der Bayerische Wald liegt, fällt es nicht schwer, Menschen aus anderen Kulturen zu begegnen. Das Fremdartige fängt dann bereits in Oberbayern an, von München ganz zu schweigen. Norddeutschland beginnt spätestens ab Frankfurt, und Augsburg und Aschaffenburg sind eigentlich schon Ausland.

Doch im Ernst: Psychotherapie ist ein Begegnungsraum, in dem man fortwährend auf Andersartiges, Fremdes trifft, und dieses Fremde enthält doch immer auch Vertrautes, Bekanntes, und geht dadurch in Resonanz mit dem eigenen Innenraum. Wenn ich über Begegnungen mit fremden Kulturen nachdenke, fällt mir ein Patient ein, der meine Deutsche Nationalität hat, paradoxerweise aber dennoch aus einem anderen Kulturkreis kommt: er stammt aus der ehemaligen DDR, einem vergangenen Land, das mir entfernt vertraut und letztlich doch so fremd ist als habe es auf einem anderen Kontinent gelegen.

Es kam zu mir in die Therapie letztes Jahr ein älterer Mann, er war Mitte Sechzig, also noch nicht wirklich alt, aber er wirkte und sah sehr alt aus. Zum einen lag dies an seiner äußeren Erscheinung, er hatte fahle und sehr faltige, fast morsche Haut, war gebeugt und sehr hager. Zudem haftete ihm etwas sehr Trauriges an. Alles in allem war er tief erschöpft und niedergeschlagen. Das war angesichts seiner Geschichte auch nicht verwunderlich. In der DDR war es ihm als junger Mann zu eng geworden, somit unternahm er einige Fluchtversuche, die zunächst zu Verhaftungen und Gefängnisaufenthalten führten. Schließlich gelang ihm die Flucht über die damalige Tschechoslowakei, im Motorraum eines LKW. Die Eltern und Verwandten hatte er nicht eingeweiht. Deutlich erinnerte er das schmerzvolle Schreien der Mutter am Telefon, als er vom Westen aus anrief und sie über die Flucht informierte. „Mein Sohn, mein Sohn“ habe sie nur geschrien und konnte sich nicht beruhigen. Als er davon erzählte, wurde spürbar, dass er diesen Schrei vor seinem inneren Ohr so hörte als geschähe er gerade eben. 16 Jahre zuvor war bereits eine seiner Schwestern geflohen, und damals, in den 60er und 70er Jahren, gab es so gut wie keine Aussicht, sich je wieder zu sehen.

Im Westen Fuß zu fassen gelang ihm nie wirklich, trotz eines erfolgreichen Studiums und eines ebensolchen Berufslebens bis zur mittlerweiligen Rente. Von Westdeutschland aus unterstützte er die Flucht mehrerer Freunde, was ihm eine Aufgabe gab. Die damalige linksorientierte Haltung seiner Kommilitonen befremdete ihn, der den „real existierenden Sozialismus“ hautnah mitbekommen hatte. Er schilderte das in einer netten kleinen Episode. Mit einem Mitstudenten sei er, immer noch fasziniert vom glitzernden Warenangebot, in einem Kaufhaus umhergegangen und habe mit ironischem Unterton bemerkt, dies hier sei ja wohl ein herausragendes Beispiel für den vor sich hinfaulenden Kapitalismus. Jedem DDR Bürger wären seiner Meinung nach die Augen aus dem Kopf getreten und es wäre ihm gewiss keine antikapitalistische Kampfparole in den Sinn gekommen beim Anblick dieser Fülle. Der Kommilitone aber habe die Ironie nicht bemerkt und habe sehr ernst und beifällig mit dem Kopf genickt. Er selbst sei sich damals vorgekommen wie in einem Museum und habe sich manchmal gewundert, dass die Leute in diesem sonderbaren Land Deutsch sprächen.

 

Seine Ehe mit einer Südländerin ist letztlich nicht glücklich verlaufen, ein Sohn, als Frühgeburt zur Welt gekommen, starb bald nach der Geburt. Den Verlust hat das Paar zu keiner Zeit mitsammen verarbeitet, er selbst kann nicht verstehen, dass die Frau so tue, als sei der Sohn nie dagewesen. Das Paar adoptierte eine Tochter, seine Frau jedoch tat dies nur halbherzig, sodass auch hieraus ein Konfliktthema wurde. Vor mehr als zwanzig Jahren hatte er seinen ersten Psychiatrieaufenthalt, dem weitere folgten. Die Therapie bestand aus Medikamentengaben gegen Depressionen. Antriebslos und wie gelähmt sei er oft, und es bedurfte keiner großen Deutungskompetenz, zusammen mit ihm dahinter seine Erschöpfung, seinen Schmerz und seine Trauer zu erkennen.

 

Ich erzähle von diesem Patienten aber vor allem deshalb, weil er ein großartiger Erzähler ist und weil in seinen Erzählungen die Zeit still zu stehen scheint. Nein, er ist kein Rafik Schami, aber er erzählt von einer längst vergangenen Zeit, die schon deshalb nicht mehr wiederkommen kann, weil das Land, in das diese Zeit gehört, gestorben ist. Und dieses Erzählen ist paradox. Denn er hat diese vermeintliche Idylle ja voller Abscheu verlassen, und ist darüber ein Heimatloser geworden. Es gibt ein Gedicht von Thomas Brasch, das lautet

 

Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber
Wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber
Die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber
Die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, aber
Wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber
Wo ich sterbe, da will ich nicht hin:
Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.

 

Ich erinnerte es nur bruchstückhaft, kannte auch den Titel nicht, aber ich empfahl es ihm zu lesen. Als er in der nächsten Stunde berichtete (er hatte es in einer Anthologie gefunden), war er tief berührt (was bei einem depressiv strukturierten Patienten äußerst positiv zu werten ist).

Die Eltern, die – gegen die herrschende politische Linie – einen kleinen Betrieb hatten, hätten von früh bis spät gearbeitet. Aber es habe keine Hektik gegeben. Sie hätten immer Zeit gehabt, wenn er einen Ansprechpartner gebraucht habe. Und man sei jeden Abend beisammen gesessen, die Familie und die Angestellten, und dann sei gegessen und gesungen worden. So gerne würde er wieder mit anderen gemeinsam singen, nicht im Chor, sondern abends am Tisch. Empört schaut er, als er davon erzählt, dass heute Fernsehen und Internet regierten. Mehrmals habe er den Test „auf die modernen Zeiten“ gemacht. Als Beispiel erzählt er die Suche nach neuen Winterreifen. Vor 20 Jahren noch hätte er sich, wenn er neue Winterreifen gebraucht hätte, mit Freunden zum Bier getroffen, und sie hätten miteinander beratschlagt. Wenn er heute einen frage, bekäme er nur noch zur Antwort, er solle doch im Internet nachschauen. So war dieser Mann ein Suchender, mit Proust auf der Suche nach der oder besser nach seiner verlorenen Zeit. Und dies in der Gewissheit, dass diese Zeit nicht wiederkommen kann. Diese unstillbare Sehnsucht danach aber trieb und treibt ihn um. Die Verluste, der Schmerz und die Trauer hatten ihn wund gerieben und so gebrauchte er mehrmals eine treffende Metapher: er fühle sich oft, als habe er keine Haut mehr.

 

Der Patient sprach etwas an, was mich selbst sehr beschäftigt. Es soll ja vorkommen, dass Therapeuten mit dem was Patienten erzählen, in Resonanz gehen und nicht nur umgekehrt. Er erzählte nämlich von etwas, was es immer weniger gibt. Vom Zeithaben, vom Sich-Zeit-nehmen, vom unabgelenkten Zusammensein mit anderen. Vor allem kam dies in seinen Erzählungen von den vergangenen Weihnachtsfesten in seiner Herkunftsfamilie zum Ausdruck. Wie da wochenlang vorher gebacken worden war, wie das ganze Haus geduftet hat, wie es immer geheimnisvoller wurde je näher der Weihnachtstag rückte, wie die Räuchermännchen aufgestellt wurden und wie dann die Familie zusammengesessen hat und miteinander gesungen hat. Wer könne denn heute noch Weihnachtslieder singen? Da werde doch der Fernseher angemacht oder die CD aufgelegt, aber das sei doch etwas ganz anderes. Wir haben alles, sagt er einmal, Kühlschrank und Waschmaschine, aber Zeit haben wir nicht mehr.

Ich finde, er hat Recht. Er erzählt von einem Verlust, den wir in Kauf oder zumindest hinnehmen. Wer nimmt sich tatsächlich die Zeit, mit anderen stundenlang zu sitzen und gar zu singen, ohne daran zu denken, dass er ja mal „seine Emails checken“ oder mal in seinem Smartphone in facebook gehen sollte? Es scheint uns allen etwas verloren gegangen zu sein, nicht nur diesem Patienten.

 

Dann unterbrach er die Therapie für mehrere Monate, weil er mit seiner Frau in das Haus in einem südeuropäischen Bergdorf fahren wollte, das sie vor langer Zeit gekauft hatten und in dem sie viele Jahre nicht gewesen waren. Ein Abenteuer. Denn vieles würde zu reparieren sein nach so langer Zeit. Und ob die Matratzen noch zu gebrauchen seien, sei ungewiss. Aber dort verginge die Zeit langsamer. Wenige Menschen seien noch in diesen Bergdörfern, die meisten hätten sie verlassen, um in die Stadt zu gehen. Wenn man aber durchs Dorf gehe, um eine Besorgung zu machen, müsse man einen halben Tag einplanen, denn mit jedem den man unterwegs träfe, ergebe sich ein Plausch.

Als er zurückkam, ging es ihm besser. Seine Traurigkeit schien eine Heimat gefunden zu haben. Auf der Reise durch Europa sei im schmerzlich klar geworden, dass Europa im Äußeren immer gleicher werde, eine Reise sei kein Abenteuer mehr wie noch vor 30 oder 40 Jahren. Auch hier kommt er wieder in eine Erzählung hinein, die über Südeuropa in die DDR und zu seinem anfänglichen Leben im Westen führt. Und es wird klar, dass diese Orte sich verbinden durch die Themen, über die er spricht. Traurig mache ihn, dass Dinge aus der Welt verschwänden und nicht mehr wiederkämen, weil niemand mehr sie wisse, z.B. die alten Handwerke. In seinem Bergdorf sei er in einer Welt gewesen, in der fast niemand mehr lebt; die Dörfer sind von den Jungen aufgegeben. „Die Leute verlassen ihre Träume“, sagt er, und: „Die Leute, die die Dörfer verlassen, sind oft fremd in der Welt“. Spätestens da wird klar, von wem er eigentlich spricht: von sich. Leute, die ihre Träume verlassen, ohne es zunächst zu wissen, sind danach fremd in der Welt. Sie suchen und finden nicht mehr, allenfalls vorübergehend. Die Zeit dort aber habe ihm gut getan: weniger Ärzte, weniger Telefonate, weniger Schriftkram, mehr Beschaulichkeit. Er sei nicht mehr so depressiv, habe mehr Antrieb, sei körperlich aktiver, habe mehr Zutrauen in sich selbst. Und sein Schlaf sei besser. Er schaut kurz auf und ein seltenes Lächeln ist auf seinem Gesicht, dann ist die Stunde zu Ende.

Zuerst veröffentlicht auf http://www.systemagazin.com 2012, Kopierrechte Lothar Eder 2012

 

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