Heutzutage noch zu Wagner zu gehen, und dann auch noch in den Parsifal, scheint vollkommen aus der Zeit gefallen.

Der Zeitgeist ist kein Wagnerianer. Ersterer ist oberflächlich, schnell und fällt Urteile wie Fallbeile. Wagner dagegen lotet Tiefen aus und dies in epischer Breite. Heißt konkret: wer einer Wagneroper beiwohnen will, braucht in der Regel reichlich Sitzfleisch. Und der Besucher muß sich einlassen auf einen epischen Erzählstil.
Entgegen aller (Vor)Urteile von Menschen, die von Wagner eigentlich keine Ahnung haben, ist dessen Musik alles andere als „schwer“. Gewiß: in manchen Passagen war Wagner ein „Heavy Metal“ Komponist – da wird schweres Blech aufgefahren, da fahren einem die Baßposaunen und die Hörner in den Leib und reissen einen fast vom Sitz. Vieles in der Musik aber ist leicht und spielerisch, anderes so fein gewebt, daß es nicht mehr von dieser Welt zu sein scheint. Für den Parsifal gilt dies vielleicht am meisten.

Schon das Vorspiel (und erst die „Karfreitagsmusik“ im 3 Akt!) ist sphärisch und führt uns in andere, transzendente Bereiche. Wer kann da nicht ergriffen sein, außer er oder sie spannt sein Zwerchfell an, um jede Regung zu unterdrücken!

Ich erspare mir eine „Inhaltsangabe“. Die kann man leicht nachlesen. Nur soviel: es geht um den Heiligen Gral, dessen Verlust und seine heilbringende Wirkung. Was aber ist der Gral? Ein physisches Ding? Oder vielmehr ein Symbol für eine innere Suche nach einem Ganzwerden, die in allen mythischen Menschheitserzählungen vorkommt; man denke nur an das chinesische Taiji, das die Gegensätze des Yin und des Yang vereint, ohne sie zu vermengen.
Bei Wagner, der auch an einer leider unvollendet gebliebenen buddhistischen Oper gearbeitet hat, ist es Parsifal, „der reine Tor“, der diese Heldenreise durchläuft und vollendet. Zu Beginn erinnert er an den jungen Siegfried. Doch im Gegensatz zu diesem durchläuft er einen Weg der inneren Einsicht, Läuterung, Suche und Verwirklichung. Das Motiv findet sich gleichermaßen in der keltisch-germanischen „Heldenreise“, im Weg der Yogi und in buddhistischen und daoistischen Traditionen. Die Begegnung mit Kundry, deren Versuchung er widersteht, verhilft ihm dazu, „welthellsichtig“ zu sein. Er durchschaut nun die Architektur des Leids und seiner Überwindung – eine Parallele zum Buddhismus.

Die Mannheimer Inszenierung stammt (wie ich) aus dem Jahr 1957. Als ich sie vor mehr als 25 Jahren das erste Mal sah, fand ich sie altbacken. Heute finde ich sie großartig. Warum? Weil sie unschuldig ist. Weil sie sich an Wagner orientiert. Weil sie nichts „bricht“. Nicht, wie zahlreiche zeitgenössische Inszenierungen, mich belehren will. Oder mir die persönlichen Konflikte irgendeines unreifen Regiebürscherls nahebringen will, der Wagner nicht verstanden hat. Und sie will mir auch nicht, wie die aktuelle Bayreuther Inszenierung (ausgerechnet dort!), zeigen, wie unmöglich „Religion“ heutzutage doch sei. Denn es geht im Parsifal nicht um Religion im konfessionellen Sinne. Es geht eher um religio im Sinne von „Wiederanbindung“ an … ja, wie soll man es nennen? An etwas, „das sich nicht sagt“, so lautet es bei Wagner, und damit ist alles gesagt. Der Rest bleibt Intuition, Spüren, Fühlen, In-Spiration. Das sagt sich nicht, das wirkt. Oder eben nicht.

Großartig: Angela Denoke (Gast) als Kundry. Ihr Sopran, rund und kraftvoll auch in den Höhen, hat mich schon im Stuttgarter Ring, in dem sie die Sieglinde sang, überzeugt. Hervorzuheben ist auch René Pape als Gurnemanz. Das Mannheimer Orchester hat, wie oft, zu Beginn Probleme, zu einem geschlossenen Klang zu finden. Auch die Hörner wackeln an einigen Stellen. Bald jedoch findet das Orchester unter der Leitung von GMD Alexander Soddy zu einer klanglichen Souveränität, die sowohl die leichtgewebten als auch die „heavy metal“  Passagen wunderbar in Töne umsetzt.

Und, als letzte Empfehlung: bringen Sie sich für die beiden Pausen ein Picknick mit. So wollte es Wagner – daß die Besucher einen schönen Tag haben, die Musik und die Darstellung genießen, und in den Pausen essen, trinken und flanieren.

http://www.nationaltheater-mannheim.de/de/oper/stueck_details.php?SID=80

Beitragsfoto: © NTM 1957-2018

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