Beginnend heute sollen in loser Folge 3 Romane vorgestellt werden, die sich auf unterschiedliche Art und Weise mit der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten beschäftigen.
Alle 3 Romane spielen in der Gegenwart und zeigen auf sehr verschiedene Weise die seelischen und sozialen Auswirkungen des damaligen Geschehens. Es wurden mit Ende des 2. Weltkrieges ca. 15 Millionen Deutsche – die Zahlen variieren – aus ihren angestammten Gebieten vertrieben, viele von ihnen verschleppt, zu Tode gequält und interniert. Keines der literarischen Werke aber, dies sei betont, bezieht sich in irgendeiner Weise politisch oder historisch Stellung (ansonsten würden sie hier auch keine Aufnahme finden). Ihr Sujet ist vielmehr die Beschäftigung mit den seelischen und familiären Folgen von Flucht und Vertreibung bei den unmittelbar Betroffenen und bei den Angehörigen der nachfolgenden Generationen.

Beginnen will ich mit der Besprechung des Romans Tagesanbruch von 2016. Hans- Ulrich Treichel nimmt sich in diesem fein gewobenen, zarten und eindrücklichen Text nicht zum ersten Mal dieses Themas an. Dies kommt nicht von ungefähr. Sein Roman „Der Verlorene“ (1998) behandelt seine eigene Familiengeschichte. Der Bruder Treichels, den er nie gekannt hat und den er später sucht, geht auf der Flucht, also vor seiner Geburt, verloren. Auch hier bereits werden die gravierenden Auswirkungen eines Traumas auf die Familienseele eindrucksvoll in eine literarische Form gegossen.

Tagesanbruch geht noch einen Schritt weiter. Es ist dies ein in vielerlei Hinsicht reduzierter Text. Die erste, offensichtlichste Reduktion ist die eingeschränkte Textmenge – der Roman kommt mit gerade mal 81 bedruckten Seiten auf kleiner Seitengröße aus. Dennoch ist darin alles erzählt, denn Treichel beherrscht die hohe Kunst der Verdichtung. Die zweite Reduktion ist die der Romanzeit: er spielt in einer Nacht, umfasst also vordergründig lediglich einige wenige Stunden. Die dritte Reduktion ist diejenige der Erzählperspektive und der Hauptpersonen. Der Text handelt von den Gedanken, Erinnerungen und inneren Bildern einer Mutter, deren Sohn in ihren Armen gerade gestorben ist. Sie will ihn noch eine Nacht für sich alleine bei sich haben, bevor er nicht mehr ihr, sondern den Abläufen gehört, die auf einen Tod folgen: dem Arzt, der den Tod feststellt, dem Abtransport, dem Beerdigungsunternehmen undsofort. Nein, für diese Nacht noch will sie die Zwiesprache mit ihm halten, will ihm erzählen, was sie nie ausgesprochen hat, alleine, in der Dunkelheit und Stille der Nacht.
Sie erzählt von ihrer Ehe mit dem Mann, der im Krieg einen Arm verloren hat. Davon, was dies in der Seele eines Mannes und in einer Beziehung macht. Sie erzählt von der unstillbaren Sehnsucht nach Heimat, nachdem die Heimat verloren war. Von der Suche nach Heimat in der Zweisamkeit, die exemplarisch für die Ehen unserer Eltern oder Großeltern ist. Und von der seelischen Verlorenheit, die aus den Kriegswirren herrührt. Die sich übertragen hat auf das Lebensgefühl der Kinder und Enkel und bei ihnen ein unbewußtes Gefühl von Entwurzelung bewirkt. Auch der tote Sohn in den Armen der namenlosen Mutter scheint nie wirklich ins Leben gefunden zu haben. Vielleicht deshalb endete es vorzeitig.
„Man muss alles aussprechen. Oder aufschreiben“ steht da geschrieben. Wie wahr. Und über die Ehe mit dem verwundeten Mann, sie selbst eine seelisch Verwundete, sagt sie für sich: „Miteinander verschweißt und füreinander verloren“. Eine herrlich treffsichere Metapher für einen Seelen- und Beziehungszustand. Ihre eigene Verwundung wird nach vielen Buchseiten erst beschrieben. Es wird für Augenblicke etwas gehoben wie vom Grunde eines Meeres, lange in den Tiefen der Seele versenkt und dort belassen – „Das Unglück vor sich selbst verschweigen. Als wäre man nicht dabei gewesen“. So schreibt oder denkt diese Frau im Stillen, gibt sich und dem toten Sohn Auskunft über den eigenen Seelenzustand. Ohne Anklage gegen den russischen Vergewaltiger geschieht dies. Und fließt in Sätze, die stellvertretend sein können für das Erleben von seelischen Traumata und den Lösungsversuch, den man in der Fachsprache „Dissoziation“ nennt.

Hans-Ulrich Treichel ist mit diesem Buch ein hervorragendes Stück Literatur gelungen. Es ist dies ein unaufdringlicher, trauriger und zarter Text. Seine Kürze und Intensität lädt dazu ein, ihn „auf einen Rutsch“ zu lesen. Empfehlenswert aber ist aus Sicht des Rezensenten, dabei immer wieder inne zu halten und dem eigenen Inneren zu lauschen.

 

Beitragsbild: LETZTES LICHT II  © Lothar Eder 2018

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