Der zweite Roman, den ich in dieser kleinen Rezensionsreihe vorstellen möchte, ist „Altes Land“ von Dörte Hansen. Das Buch ist das vielbeachtete Debut der Autorin aus dem Jahr 2015, in der Presse hochgelobt und auf Platz eins der Bestsellerlisten. Zurecht, möchte ich voranstellen.

Es ist dies ein kräftiger, mit sicherem Gespür geschriebener Text, der die Seelenlandschaft seiner Personnage in treffenden Metaphern verdichtet, ohne je geschwätzig zu werden. Die Handlung erfährt man nicht aus einem linearen Erzählstrang. Sie kommt dem Leser entgegen aus Episoden, aus wenigen Sätzen, eingebettet in kurze Szenen voller atmosphärischen Gehalts. Wie bei einem guten Apfel eben. Er erzählt die Geschichte seiner Herkunft, des Bodens, der Sonne, des Windes, über sein Aroma. Vordergründig behandelt der Roman eine Familiengeschichte. Als „Frauenroman“ wurde er bezeichnet, da starke Frauencharaktere im Vordergrund stehen. Auch als Satire über die alternative (Eltern-)Szene der Großstädte (in diesem Fall Hamburg), die ihre Kinder „wie Pokale“ vor sich hertragen, handgeschnitztes Holzspielzeug kaufen und in „Musimaus“-Kursen ihren Kleinen musikalische Früherziehung – alles spielerisch, ohne Zwang! – angedeihen lassen. Manche von ihnen steigen aus, ziehen aufs Land und erzählen den Apfelbauern im Alten Land, die seit Generationen dort leben, wie man alte Sorten anbaut.

Die Themen, die den Text durchwehen, sind Vertreibung, Flucht und Heimatlosigkeit. Im Zentrum steht Vera, die als ostpreußisches Flüchtlingskind mit ihrer Mutter Hildegard auf dem Hof von Ida Eckhoff im Alten Land landet. Die „Polacken“ werden dort nicht gemocht, sie werden verachtet und abschätzig behandelt. Veras Mutter aber, alter ostpreußischer Adel, trotzt alledem mit ihrem Stolz und ihrem Durchhaltevermögen. „Von mir gibt es nichts“ antwortet Ida, die Hofbesitzerin, als Hildegard um Milch für ihr Kind bittet. Die verweigerte Milch holt sie sich einfach nachts im Kuhstall. Später heiratet sie den Hoferben Karl, der als seelisches Wrack aus dem Krieg und russischer Gefangenschaft zurückkam und zu nichts mehr zu gebrauchen war. Nachts schreit er und die Nachbarn fragen Hildegard gelegentlich „na, war heute Nacht wieder Stalingrad bei euch?“.

Als Ida Eckhoff stirbt und mit ihr Hildegards Widersacherin, verläßt diese den Hof, denn jetzt gibt es niemanden mehr, gegen den sie kämpfen könnte. Sie heiratet einen anderen Mann und läßt die Tochter Vera bei Karl zurück. Eine Halbschwester, Marlene wird geboren. Vera kommt ab und zu nach Hamburg zu Besuch. Die Kontakte aber sind voller Konflikt und Kälte und verlieren sich schließlich.

Keine guten Voraussetzungen für ein heranwachsendes Mädchen. Ohne Mutter, der Ziehvater ein seelischer Kriegskrüppel, um den sie sich kümmern muss. Aber das Mädchen hat das ostpreußische Rückgrat der Mutter geerbt. Zäh, einsam und mit unbändiger Lebenskraft wächst sie heran, wird Zahnärztin und kennt Kinder nur von ihrem Behandlungsstuhl, voller Angst und mit widerwillig aufgerissenen Mündern. Manchmal findet sie Männer, aber einen Mann findet sie nicht. Nur Hunde und Pferde. Wie eine Gutsherrin reitet sie durchs Dorf, hoch zu Roß.

„Sie war ein Flüchtling, einmal fast erfroren, nie wieder warmgeworden. Ein Haus gefunden, irgendeins, und dort geblieben, um nur nicht wieder in den Schnee zu müssen“, schreibt die Autorin über ihre Hauptfigur und erfaßt damit in einem Satz deren Seelenlage.

Und dann kommt doch noch Wärme ins Haus von Vera Eckhoff und damit in diese Geschichte. Sie kommt mit Anne, der Nichte von Vera. Tochter ihrer Halbschwester Marlene. Auch sie trägt das Trauma von Flucht und Vertreibung in sich, transgenerational weitergereicht wie ein seelisches Erbstück, auch sie findet keine Wurzeln im Leben. Mit ihrer Mutter hatte sie vor Jahren eine Reise unternommen ins Land der Großmutter Hildegard. Ostpreußen, Masuren. Heilen sollte dort etwas, die Härte heilen, welche Annes Mutter Marlene von ihrer Mutter, Hildegard, kennt und Anne von Marlene. „Keine Heilung in Masuren“, fasst Dörte Hansen den Verlauf der Reise zusammen. Eindrucksvoll das Bild, als Marlene mit einem Plastiklöffel Sand und Putz vom ehemaligen Herrenhaus abkratzt und mit nach Hause nimmt. Der verzweifelte Versuch, etwas in der Hand zu haben, was eine heile Familie und Mutterwärme sichert.

Auch Anne also ist in 3. Generation nicht angekommen im Leben, sie erlebt es als brüchig, schlägt keine Wurzeln. Wie „Luftmaschen“ sind ihre Beziehungen gewoben, der kleinste Hauch zerstört sie und läßt Anne alleine zurück. Auch mit Christoph, dem Vater ihres Sohnes Leon, geht es ihr so. Sie drei würden kein stabiles Vater-Mutter-Kind-Paket, schreibt Hansen, der Familienklebstoff fehlt. Anne ertappt Christoph bei einer Affäre, packt kurzentschlossen ihr Kind und zieht zu ihrer Tante Vera Eckhoff in dieses alte verlotterte Haus im Alten Land. Sie ist Schreinerin und bringt den alten Kasten, die uralten Fensterläden, das Fachwerk, die Fassade auf Vordermann. Die beiden Frauen kommen gut miteinander aus. Ihrer beider Traumata führen nicht zum Krieg, sie bringen sich nicht gegeneinander in Stellung. Tante und Nichte richten sich gemeinsam ein in diesem Haus, das für Großfamilien gebaut worden war. Man könnte sagen: sie tun sich gut. Es ist eine kleine Heilung, die da stattfindet. Die Stürme kommen zur Ruhe und endlich kehrt Frieden ein in die Seelen – „Das Haus stand still“.

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