Ej, was hastn du gemacht? fragte Marie ihre Stiefschwester Gunda, als die durch die Tür hereinkam. Gunda strahlte und strahlte, noch mehr als sonst. Diese ständige Positivität konnte einem echt auf den Keks gehen. Und jetzt kam die zur Tür reingeschneit, faselte was von Frau Holle oder sonem Kinderkram und dann legte sie auch noch ein paar kleine Goldbrocken auf den Tisch. Marie griff sofort danach, untersuchte sie gierig und sagte Na, das wollen wir aber schwesterlich teilen, oder?. Und Gunda, die doofe Gunda, willigte tatsächlich ein. Wäre Marie im Traum nicht eingefallen. Aber dieses Strahlen, an das kam man einfach nicht ran. Irgendwann, dachte Marie bei sich, geht das. Dann haben wir alle USB-Anschlüsse und dann kannste dir das einfach runterladen von ihr. Cool!. Aber bis dahin? Mama kam dazu. Genauer: Maries Mama und Gundas Stiefmama. Und Gunda hatte echt kein leichtes Leben bei ihr. Gunda mußte bei der Hausarbeit mithelfen, Marie nicht. Gunda ging es echt voll Kacke hier in der Pätchwörkfämiliiie, dennoch war sie meist gut gelaunt. War selten am Händi, war nicht bei Facebook und las viel. Ätzend. Was willste mit so einer anfangen?

Na erzähl mal, Gunda, fragte die Mutter in einem ungewohnt freundlichen Ton. Wo warst du? Und wo hast du das Gold her? – Das … das ist nicht einfach zu erklären, stotterte Gunda, was soll ich sagen? Da hinten im Wald, da ist doch dieses verfallene Haus. Und da ist ein alter Brunnen. Ich war neugierig, hab hineingeschaut und irgendwas hat mich hinuntergezogen und dann weiß ich es auch nicht mehr so genau. Ich bin gefallen und gefallen, aber es war nicht unangenehm, und als ich ankam, war ich in einem wunderschönen Land. Es gab weite Wiesen und Wälder, alles war still und friedlich. Ich kam an einem Backofen vorbei, der hat mit mir gesprochen, ich soll das Brot rausholen – Marie verdrehte die Augen und stöhnte auf, aber die Mutter ermunterte Gunda, weiterzusprechen – und ein Apfelbaum voller Äpfel bat mich, ihn zu schütteln. — Boahh ej, machte Marie, sag mal, den Scheiß kannste im Kindergarten erzählen, aber selbst die hören sich so ne Kacke nich mehr an. — Laß mal, Marie, sagte die Mutter, erzähl doch weiter, Gunda, wie ging es denn weiter? – Wasn jetzt los? empörte sich Marie, denn sie war es nicht gewohnt, daß die Mutter sie kritisierte und sich für Gunda interessierte. Hör genau zu, Liebes, vielleicht wird es dir noch nutzen, säuselte die Mutter Marie zu. Also, fuhr Gunda fort, und dann kam ich an ein altes Haus und da schaute eine alte Frau zum Fenster raus. Sie rief mich herein und gab mir etwas zu essen. Ich war sehr hungrig und aß alles auf. Was ich für einen Kummer habe, fragte die alte Frau, und ich sagte, gar keinen. Aber da nahm sie mich in den Arm und ich weinte und konnte gar nicht mehr aufhören. Willst du eine Weile bei mir bleiben, fragte die Alte und ich willigte ein. Nicht daß es mir hier daheim nicht gefällt, aber … ich weiß auch nicht, es hat dort einfach alles gestimmt, es war friedlich und freundlich und selbst Hund und Katze spielten miteinander. Also blieb ich eine Weile. Ich kann gar nicht sagen wie lange. Es waren Tage, Wochen, Monate, aber alles verging wie im Flug. Die Alte, Frau Holle heißt sie, wie im Märchen, ließ mich jeden Tag das Haus sauber machen und die Betten aufschütteln. Ich bekam dafür wunderbares Essen, von ihr selbst gekocht, herrlichen Kuchen, selbstgebacken, und Abends saßen wir auf der Bank vor dem Haus, wir schauten in die Ferne und sie erzählte Geschichten. Ihr müßt nämlich wissen, sie hatte keinen Fernseher und Internet oder Händis gab es glaube ich auch nicht. Jedenfalls hab ich sowas nicht gesehen dort. Aber dann wurde ich traurig. Frau Holle fragte mich, was mit mir los sei und ich sagte ihr, daß ich Heimweh hätte. Da sah sie mich an mit ihren gütigen Augen und sagte, dann geh heim mein Kind. Der Himmel soll dir deine Arbeit hier lohnen. Ich schnürte mein Bündel und stand in der Tür. Leb wohl! sagte sie und umarmte mich fest und innig. Sie winkte mir zum Abschied. Ich kam wieder an dem Apfelbaum vorbei, und es war mir, als würden seine Äste mich freundlich grüßen. Und auch der Holzofen mit dem Brot schien zu lächeln, als ich vorüberging. Ja und dann, dann kam ich zu einem großen Tor, das war, wie soll ich sagen, das war wie aus Licht und als ich hindurchschritt, durchfuhr es mich und ich war so wach und lebendig wie nie zuvor, es war ein Glücksgefühl, wie ich es noch nicht erlebt hatte. Und dann, dann stand ich mit einem Mal wieder im Wald. Ich sah an mir hinunter und ich hatte das gleiche an wie damals, als ich hergekommen war, und irgendwie war es, als seien gerademal ein, zwei Stunden vergangen. Ich faßte in meine Taschen, und da waren dies Goldbrocken. Ja, und jetzt bin ich wieder da. Ich bin sehr müde, habt ihr etwas dagegen, wenn ich mich hinlege?

 Ich brauch jetzt nen Latte, sagte Marie, stand auf und ging in die Küche. Die Mutter folgte ihr. Also, sie hat ja schon immer so ne Scheiße gelabert, aber das ist jetzt echt der Gipfel, schnauzte Marie in Richtung Mutter. Liebes, sagte die Mutter, da hast du sicher Recht. Aber die Goldbrocken, die sind real. Komm, zieh dir was über, wir fahren in die Stadt und lassen einen untersuchen.

 Bitte nehmen Sie Platz, sagt die Dame freundlich, lassen sie mal sehen. Sie legt den Brocken auf eine Waage. Also, das ist Feingold, 24 Karat, das hat das Labor eindeutig festgestellt. Und das ist ziemlich genau eine Unze. Die Form ist nicht bankhandelsfähig, aber vom Wert sind es nach aktuellem Tagespreis, Moment – sie schaut auf ihren Bildschirm – 964 Euro und 43 Cent. Aber sagen Sie, wo haben sie den Brocken her?

Ach ,… also, macht die Mutter, der stammt aus einer Erbschaft. Von Tante Holle, ich meine Tante Hella, sie ist kürzlich gestorben, und jetzt wollten wir einfach mal wissen, was sowas wert ist. — Verstehe, meint die Dame vom Edelmetallkontor, na dann, vielleicht auf ein andermal!

 Hast du gehört, fast 1.000 Euro ist so ein Brocken wert!, Marie ist voll freudiger Erregung, als die beiden wieder in Mamas SUV sitzen. Und Gunda hat mindestens 40 oder 50 Stück davon mitgebracht. Das sind, Moment mal, das sind 40-50.000 Euronen! Und da sind mit Sicherheit noch mehr!.

Die Mutter fährt rechts ran, hält an Grimms Fairy Lounge – Drinks and more. Ich brauch jetzt dringend einen Aperol Sprizz. — Krieg ich auch einen? macht Marie. — Kind, du bist erst 16, da trinkt man tagsüber keinen Alkohol, aber zur Feier des Tages machen wir mal ne Ausnahme – Komm, auf!

Der zweite Teil folgt demnächst

Text © Lothar Eder 2018-19
Titelbild: HOLDA, DIE GÜTIGE BESCHÜTZERIN, Friedrich Wilhelm Heine (1882)

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