Marie, pass auf, ich versteh ja, dass du dich nicht schmutzig machen willst. Und dass das ein Abenteuer ist, bei dem man nicht so genau weiß, was dabei herauskommt. Aber man muss auch mal was riskieren. Und das ist eine Chance, verstehst du? Mutter und Tochter saßen inzwischen beim zweiten Aperol und redeten sich die Köpfe heiß. Zumindest die Mutter. Marie verzog das Gesicht, rutschte auf ihrem Launschsessel immer tiefer und schaute spätestens alle fünf Minuten auf ihr Händi. Pfffh, machte sie, aber das ist doch voll uncool. Ich soll da zu diesem komischen Ort und mich an diesen merkwürdigen Brunnen setzen. Und dann schauen, was passiert. Ich will aber wissen, was passiert und nicht mal schauen. Geh doch selber hin. — Marie, manchmal könnte ich dich schütteln, echt jetzt, regte sich die Mutter auf. Du stehst möglicherweise vor der Chance deines Lebens und jammerst nur rum. Also, paß auf: wenn du’s machst, bekommst du von mir das neue iPhone Xs Max in Gold mit 512 Gigabait Speicherplatz. — Echt jetzt?, Maries Augen wurden größer und sie richtete sich auf. Dann aber wollte sie ihre Begeisterung nicht allzusehr deutlich werden lassen und verfiel wieder in ihre gewohnte gelangweilte Genervtheit. Und, sprach die Mutter weiter, stellt dir vor, du fotografierst das Ganze und stellst es in Facebook. Was meinst du, wie deine Freundinnen staunen? Es blitzte leicht in Maries Augen. Die Vorstellung, dass sie zur Königin im Kreis ihrer Freundinnen aufsteigen könnte, hatte was. Also gut, sagte sie, ich mach’s. Fast hätte sie angefügt, die Mutter solle aber unbedingt mobil erreichbar bleiben, doch soviel Anhänglichkeit wollte sie dann doch nicht zeigen.

Am nächsten Morgen, naja, es war eher später Vormittag, machte Marie sich auf dem Weg in den Wald zu der besagten Stelle. Sie setzte sich an den Rand des Brunnens und sah hinunter. Nein, das war wirklich zu ätzend, da hinunterzugehen. Im Leben nicht! Marie nahm ihr iPhone aus der Tasche und wischte ihre Äpps durch. Da knackte es im Wald, und Marie erschrak so heftig, dass ihr das Händi aus der Hand glitt und in den Brunnen fiel. Verdammte Scheiße!, rief sie aus. Sie beugte sich weiter über den Rand des Brunnens und spähte nach dem Mobiltelefon. Da verlor sie das Gleichgewicht und fiel hinein. Sie fiel und fiel, und zu ihrem eigenen Erstaunen blieb der Schrecken aus. Es war ein sanftes Gleiten wie auf Engelsschwingen und sie verfiel in einen Dämmer. Als sie erwachte, fand sie sich auf der Wiese wieder, von der Gunda schon berichtet hatte. Ihr Händi lag neben ihr. Ich mach mal ein paar Fotos, sagte sie zu sich. Nachdem das erledigt war, wollte sie ihre Navigationsäpp aktivieren. Fehlanzeige. Kein Netz. Marie hatte sich schon seit Jahren geweigert, im Urlaub irgendwohin zu gehen, wo es kein Netz gab. Und jetzt das! Sie schlurfte den Weg vor ihr entlang. Da war der Apfelbaum und er hing voller prächtiger Äpfel. Und der konnte reden, voll krass! Schüttel mich, schüttel mich, rief er, die Äpfel sind schon so reif, sieh, wie sich meine Äste biegen! Ich glaub, du hast sie nicht mehr alle, blaffte Marie ihn an, am Ende fällt mir so ein Ding auf den Kopf, und das kann ich grad überhaupt nicht gebrauchen. Und sie ging weiter. Da kam sie an dem Backofen vorbei. Es duftete nach frischem Brot. Zieh mich raus, zieh mich raus, rief das Brot, ich bin längst ausgebacken, zieh mich raus, sonst verbrenne ich!Mir doch egal, erwiderte Marie, erstens hab ich keine Lust, mich dreckig zu machen und zweitens verbrenne ich mir am Ende noch die Pfoten. Nö, bleib mal schön drin. Da schritt sie weiter und kam endlich an das Haus, von dem Gunda berichtet hatte. Ätzende Bruchbude, dachte Marie gleich, hier bleib ich keine 3 Tage, ich besorg mir das Gold und dann nix wie weg. Da sah auch schon Frau Holle aus dem Fenster. Wie schön, dass du da bist, rief sie. Komm gleich herein, wir essen Kuchen und trinken Kaffee und dann zeige ich dir, was zu tun ist. Marie setzte sich an den gedeckten Tisch. Der Kuchen schmeckte köstlich. Fast hätte sie nach dem Rezept gefragt, aber sie hatte eh keine Lust auf selber Backen. Du kannst gerne hier bleiben, und wenn du mir die Arbeit gut machst, das Haus in Ordnung hältst und vor allem meine Betten gut aufschüttelst, dann soll es dir gut ergehen. — Seit wann muß man was machen, dass es einem gut geht? schnodderte Marie zurück. Ich habe ein Recht, dass es mir gut geht, ob ich was mache oder nicht. Und wenn du nicht für mich sorgst, dann gehe ich zur Antidiskriminierungsstelle und zeig dich wegen Mobbing oder sowas an. — Aha, sagte Frau Holle nachdenklich. Na, ich werde drüber nachdenken. Aber es scheint, du wirst es nicht leicht haben im Leben, wenn du nicht bald ein paar wichtige Dinge lernst! — Pffh, machte Marie, mir egal, ich mach mal was mit Onlainhandel, das kann man vom Sofa aus machen, da muß man nicht viel für lernen. — Aha, fragte Frau Holle, und macht das Freude? Keine Ahnung – Freude? Hauptsache die Kohle stimmt und es bleibt genügend Zeit für den Fun. Aber jetzt hau ich mich erstmal hin, wo ist mein Zimmer? Ja, und dann müßte ich auch mal ins Bad. Frau Holle lächelte milde. Nun, erwiderte sie, du kannst dich dort am Brunnen waschen. Und für deine Geschäfte gibt es hinter dem Haus das Häuschen. Marie war empört. Komfortmäßig war das unter aller Sau. Nein, sie würde sich nicht am Brunnen waschen. Und sie hatte nicht mal Klamotten zum Wechseln dabei! Nach dem Netz oder WLAN brauchte sie wohl garnicht erst zu fragen …

Der erste Tag ging ja noch. Aber am zweiten hatte Marie schon genug. Nur die Aussicht auf die Belohnung ließ sie zum Besen greifen und sie schob den Dreck von einer Zimmerecke zur anderen, und wenn Frau Holle gerade nicht da war, kehrte sie ihn einfach in einen Spalt im Fußboden oder unter eine Kommode. Auch die Federbetten schüttelte sie widerwillig, was soll eigentlich der Scheiß mit dieser Schüttlerei? fragte sie und Frau Holle antwortete Damit es auf der Erde schneit. — Kein Mensch braucht Schnee, erwiderte Marie, ohne Schnee bräuchte man nicht zu räumen, keine Winterreifen und überhaupt: ständig Sommer wär doch geil. Und wer Schifahren will, für den gibt es Kunstschnee. Frau Holle war am Ende ihres Lateins. Sie sagte nichts mehr, sondern schüttelte nur noch den Kopf. Wie hältst’n das eigentlich aus, ohne Fernsehen, ohne Internet und ohne Händi, fragte Marie. Nun, wie du siehst, sehr gut, antwortete Frau Holle, das sind Dinge, die kein Mensch wirklich braucht, auch wenn die Menschen anderer Meinung sind. Allerdings, erwiderte Marie und setzte sich in eine Ecke. Voll ätzend ist das hier, wie lange muß ich eigentlich noch bleiben, bis ich, ich meine, bis ich dann …Du meinst, bis du deinen Lohn bekommst? sagte Frau Holle. Genau, Marie war erleichtert. Nun, Frau Holle überlegte kurz, eigentlich ist es schon genug. Du hast mir genug gedient, ich brauche deine Dienste nicht länger und so sollst du deinen Lohn bekommen. — Echt jetzt? Marie war richtiggehende erleichtert. Komm mit, sprach Frau Holle, ich führe dich zurück dorthin, woher du gekommen bist. — Und, und, Marie war ganz aufgeregt, da kommen wir aber zu diesem Tor, durch das ich gehe, oder? — Gewiß, machte die Holle, jeder, der zurückwill, muß durch dieses Tor und bekommt seinen gerechten Lohn.

 Der Weg war nicht weit und so dauerte es nicht lang, bis Marie mit Frau Holle am Tor angelangte. Stell dich nur hinein in den Torbogen und dann mach es gut auf all deinen Wegen, sprach die Holle und war schon verschwunden. Etwas durchfuhr Marie, es bitzelte auf der Haut und strömte bis in die Körpermitte. Geil, es gibt wieder Netz, freute sie sich. Und dann setzte ein Regen ein. Doch es war kein Gold. Es waren Papierstücke, die sich auf dem Boden verteilten. Marie war enttäuscht. Doch dann hob sie einige auf untersuchte sie. Es waren keine Geldscheine. Sie las aufgeregt, was auf den Papieren stand. Da, ein Gutschein über einen Super HD Fernseher, 2 mal 3 Meter. Und hier, ein lebenslanger Gutschein von Lieferando – nie im Leben werde ich kochen müssen!, jubelte Marie. Und was haben wir da, einen lebenslangen Gutschein eines Fahrdienstes – nie wieder werde ich zu Fuß gehen müssen! tirilierte sie. Und hier noch: ein bedingungsloses Grundeinkommen – nie werde ich eine Hand rühren müssen! Und dann fand sich noch ein lebenslanger Händivertrag mit dem neuesten Eifoun, alles umsonst! Und 200 Gratisfilme zum Streamen, jeden Monat. Eine lebenslange Internetverbindung, immer auf dem neuesten Stand der Datenübertragung. Und ein RFID-Chip, den sie sich unter die Haut pflanzen lassen konnte. Wie geil, frohlockte Marie, das ist ja viel besser als das ganze Gold von Gunda! Nie kochen müssen, nie laufen müssen, nie mit Geld bezahlen müssen, sondern mit einem Chip, ein Riesenbildschirm im Zimmer und jeden Monat 200 Gratisfilme. Wenn das kein Glück war!

Sie lief, nein, sie hüpfte nach Hause.

Nur der Hahn von Gegenüber, den sich diese Ökonachbarn hielten, krähte hämisch. Kikerikie, unsere Pechmarie ist wieder hie, schien er zu sagen. Halts Maul, du blödes Vieh, zischte Marie ihm zu.

Marie wurde älter und dicker, das kam nicht zuletzt von den vielen Pizzen und den gesüßten Softgetränken, die sie bestellen konnte soviel sie wollte. Sie hatte eine Affäre mit dem Fahrer des Shuttleservices, aber das hielt nicht lange. Sie schaute sich drei bis fünf Filme täglich an und sah wenig Tageslicht. Ihre Muskeln verkürzten und ihre Gelenke versteiften sich. Die Arztrechnungen bezahlte die Krankenkasse, Beiträge mußte sie ja keine bezahlen. Später nahm sie stimmungsregulierende Medikamente, aber ihre Stimmung wurde dadurch nicht wirklich gut.  So ging ihr Leben dahin und wenn sie nicht gestorben ist, dann streamt sie wohl noch heute.

 

Text: © Lothar Eder 2018-19
Titelbild: Herrmann Vogel, Pechmarie (vor 1921)

Ein Gedanke zu “Pechmarie 2018, ein Märchen aus der guten neuen Zeit (Teil 2 und Ende)

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