Das macht Sinn oder das macht keinen Sinn sind Wortwendungen, denen man im Alltag häufig begegnen kann. In Wahrheit ist diese Formulierung einer der mittlerweile gängigen Anglizismen bzw. Amerikanismen. Korrekt heiß es im Deutschen Das ergibt (keinen) Sinn.

Es geht hier jedoch nicht um das Einfordern von Korrektheit. Vielmehr geht es darum, den Unterschied der beiden Sprachgebräuche und deren implizite, verborgene Wirkung zu zeigen. Zunächst ist dieser Unterschied ein grammatikalischer. Schauen wir genauer hin, ist der englischsprachige Gebrauch von einem Akkusativ gekennzeichnet, der deutschsprachige hingegen vom Dativ. Na und? könnte man sagen, Akkusativ, Dativ, Hauptsache der Sinn, die Bedeutung stimmt! 

Akkusativ und Dativ jedoch transportieren zwei entgegengesetzte Wirkungsrichtungen. Sie gehen einher mit unterschiedlichen, ja konträren inneren Grammatiken. Der Akkusativ zielt auf etwas, er hat eine Ab-Sicht, er wirkt ein auf ein Objekt, er be-wirkt, er macht. Er macht das Subjekt zum aktiv Handelnden, ja mehr noch, es macht das Handeln, die Aktivität, die Ab-Sicht und damit auch die Anstrengung zur Quelle des Glücks.

Der Dativ hingegen nimmt entgegen, etwas widerfährt dem Subjekt, es ist nicht handelnd sondern erfahrend. Der Akkusativ markiert in Anknüpfung an Hannah Arendt die Vita activa, der Dativ die Vita passiva.

Die „akkusativische“ Verwendung des Vorgangs der Sinnerzeugung paßt in die technische, in die Leistungs- und Konsumwelt. Dort wird alles hergestellt, gemacht, ge-managed, hier wird her-gestellt, hier geschieht Performance und willentliche Erzeugung der Dinge und Umstände.

Der „dativische“ Sinn hingegen ist einer, der sich aus den größeren Zusammenhängen ergibt. Der Mensch im „dativischen“ Sinnbezug kann sich hineinbegeben in diese Zusammenhänge, er kann Teilhabe anstreben und durch bestimmte Handlungen oder Unterlassungen begünstigen. Er ist der Mensch, der eingebunden ist in die Natur, er weiß oder ahnt die Transzendenz seines Wesens, und er wählt immer wieder die Hingabe an das größere Sein, statt der bloßen Lebens- und Karriereplanung. Er weiß um die Endlichkeit seines Daseins und er weiß deshalb die vordergründigen Angelegenheiten zu relativieren. Und er sucht den Sinn nicht in Konsumwünschen und der Zu-Kunft, sondern im jetzigen Atemzug. 

Die akkusativische Sinnerzeugung entläßt den Menschen nicht aus der Anstrengung und Leistung, sie beläßt ihn in alleiniger Verantwortung für sein Glück. Er allein muß es schultern, und wenn er in seinem Pursuit of Happiness scheitert, ist es persönliches Versagen. Nicht von ungefähr kompensiert die akkusativische Weltsicht die Überanstrengung die sie fordert, durch ein übergroßes Angebot an Entspannungsangeboten, die meist konsumgebunden sind und sich damit selbst im Inneren der Blase des akkusativistischen Lebensstils befinden, statt diese zu verlassen.

Der dativische Stil hingegen bietet den Ausstieg. Ihn zu realisieren erfordert das Sicheinlassen auf ein Paradoxon. Er entspricht dem daoistischen Wu Wei, dem Handeln durch Nicht-Handeln. Dadurch können die Potentiale sich ent-falten. Die Pflanze wächst nicht schneller, wenn wir daran ziehenUnsere Freude an ihr entsteht, wenn wir uns auf ihren Eigenrhythmus, ihre Eigenzeit einlassen. Das ergibt – im besten Falle – Sinn.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s