Der Kreis, das Rad, sind in allen Kulturen das Symbol für das menschliche Schicksal und das Leben schlechthin. Aus Erde bist du und zu Erde wirst du heißt es in der christlichen Liturgie. Erst die späte Moderne erfindet die Linie, die Time Line als Symbol für den Werdegang des Menschen. Die Karriere ist eben der Vorstellung nach keine Kreisbewegung, sondern ein Fort-Schreiten, ein Auf-Stieg. Aber wohin schreiten wir, wenn wir fort-schreiten? Und jede Höhe, in die wir auf-gestiegen sind, ist irgendwann einmal die höchste und nicht zu übertreffen. Was folgt ist der Ab-Stieg, denn wer möchte schon in eisigen Höhen verweilen?

Der Fortschritt ist eine Erfindung der Moderne. Sie läßt sich sehr genau verorten in der italienischen Renaissance mit ihren Auswirkungen auf Wissenschaft, Technik und Lebensweise. Weder traditionelle Nomaden- noch Bauerngesellschaften kannten den Fortschritt. Ihre Grunderfahrung ist die der Wiederkehr. Man mag vorangehen, aber die Bewegung ist ein Kreis, weil auf jeden Sommer ein Winter folgt, und auf diesen ein Frühling. Und jedes Sterben des Alten die Geburt von etwas Neuem bedeutet.

Die Linie paßt in die Lebenswelt des Homo faber, des Homo consumens und die des Homo digitalis. Sein Biotop ist die Stadt, der Beton, der Computerarbeitsplatz, der Asphalt und die endlose Straße, der Highway to Hell. Natur ist ihm allenfalls Regenerationsort und nett anzuschauen. Kulisse für Zerstreuung und Wellness. Daß er selbst Natur ist, erscheint ihm als lästige Anekdote der Evolution.

Joni Mitchell greift in ihrem Lied The Circle Game die archetypische Form des Kreises auf. Das Lied wurde 1970 auf dem Album Ladies Of The Canyon veröffentlicht, stammt jedoch aus der Mitte der sechziger Jahre, zumindest ist ein öffentlicher Vortrag davon aus dem Jahr 1966 belegt.

In der angloamerikanischen Folk Music spiegelte sich die damalige Unzufriedenheit der jungen Generation u.a. mit einer konsumistischen und materialistischen Lebenshaltung wider. Deshalb finden sich in dieser Musik Anklänge eines Zurück zur Natur ebenso wie philosophische Themen wie das des Rads des Lebens.

Hier der Refrain aus The Circle Game:

And the seasons they go round and round
And the painted ponies go up and down
We’re captive on the carousel of time
We can’t return we can only look
Behind from where we came
And go round and round and round
In the circle game

 

Ein Gedanke zu “Das Rad des Lebens – The Circle Game (Joni Mitchell)

  1. Fortschritt ist nicht per se etwas Schlechtes.

    Das Problem sehe ich eher in der Entkoppelung von Ursache und Wirkung, sodass der einzelne Mensch nicht mehr direkt die Folgen seines Handelns erlebt. Somit wird der Missbrauch von fortschrittlichen Technologien gefördert. Außerdem gibt es keine limitierenden Rückkopplungsmechsnismen mehr, wenn der Mensch sich über die Natur stellt. Aber das ist eine andere Geschichte.

    Also ich genieße es sehr, mithilfe meines Smartphones ihren Blog zu lesen. Ohne Fortschritt wäre es nicht möglich. Der Schaden entsteht, wenn ich mir jedes Jahr ein neues Smartphone kaufen müsste, um immer „up to date“ zu sein. Dann würden Ressourcen verschwendet. Etwas so lange zu benutzen, bis es wirklich nicht mehr geht und es dann zu recyclen, wäre die richtige Lösung. Ach ja „Recycling “ – da wären wir dann auch wieder beim Kreis.

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