Consumo ergo sum  – so lautet wohl der unbewußte Wahlspruch des Menschen in der spätmodernen Zivilisation.

Die leere und zertretene Pappschachtel entdecke ich beim morgendlichen Hundespaziergang. Der Weltvernascher hat sie nach dem Weltvernaschen neben den Weg geworfen und dort liegenlassen. Beim Weltvernaschen scheint es sich um eine nicht nur bedeutsame sondern auch kräftezehrende Tätigkeit zu handeln. Denn der Weltkonsument konnte die Schachtel wohl bis zum Ende des Verzehrs tragen, danach aber verließen ihn scheinbar alle Kräfte und er mußte sich, womöglich schweren Herzens, sofort von der Schachtel trennen. Hoffentlich konnte er seinen Weg noch aus eigenen Kräften fortsetzen!

Die Welt als Zuhause, als Einladung zur Erkundung, zur Erkenntnis, zur ästhetischen Schau, als Wille und Vorstellung, als Widerspiegelung unserer Selbst ist in der durchgeknallten digitalisierten, globalisierten und konsumistischen Schönen Neuen Welt einfach zum Objekt der Einverleibung und des postkonsumalen Ausscheidens geworden. Nun, könnte man einwenden, jeder Kompostwurm macht es doch genauso! Stimmt. Aber der Kompostwurm nützt Mutter Erde. Der Weltvernascher schadet ihr. Er selbst ist das Ungeziefer, für das er den Wurm oder den Ohrschlüpfer wahrscheinlich hält. Der Wurm denkt sich nichts während er organisches Material durcharbeitet. Der Weltvernascher denkt sich wahrscheinlich schon etwas. Aber er denkt das Falsche. Er ist, obwohl mit Bewußtsein ausgestattet, bewußtlos. Er denkt, die Welt sei eine Tüte Pommes Frittes. Mein Magen ist die Welt.

Ich merke, dass ich den Weltvernascher gerne fragen würde, wie der den Spruch auf der Schachtel findet. Und warum er sie einfach in die Landschaft geworfen hat. Ich stelle mir einen jungen männlichen Menschen vor, der dumm grinst oder mir sagt, dass mich das nichts anginge. Ich stelle mir vor, dass ich ihm sage, dass mich das schon etwas angeht, weil ich mir schließlich seinen Dreck anschauen muß, wenn ich durch die Landschaft gehe und mir das unangenehme Gefühle bereitet.

Ich merke meinen Hohn und meinen Ärger gegenüber dem (in meiner Vorstellung) dummen Weltvernaschermenschen und ich tadele mich für meine Hochnäsigkeit. Wenn ich das nächste Mal den Weg entlanggehe und die Schachtel liegt noch da, werde ich sie aufheben und in den nächsten Mülleimer werfen. Danach werde ich zu meiner kleinen Wurmfarm gehen und mir das Gewusel der Kompostwürmer anschauen. Und ich werde mich zurückhalten müssen, ihnen philosophische Fragen zu ihrem Weltverhältnis zu stellen

Beitragsbild: Manuela Wirschke

Ein Gedanke zu “Mein (un)poetischer Alltag – Vernasche die Welt

  1. Nein, nein. Sie verstehen das völlig falsch. Das Hinterlassen von Verpackungsmüll hat sehr existenzielle Gründe! Es ist der Versuch, sich zu verewigen in einer schnelllebigen und von Vergänglichkeit geprägten Welt. Es ist sozusagen das Mahnmal der Existenz. Nähmen Sie dem Weltvernascher diese Möglichkeit, sich seiner Existenz zu versichern, hätten Sie ihn womöglich bald in ihrer Praxis sitzen… Also bitte, lassen Sie ihm doch seine Pappschachtel!

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