Wenn die Erde deine Mutter wäre
Und sie wäre siech und elend, und dem Tode nah
Was würdest du tun?

Würdest du Schilder malen, auf die Straße rennen und mit deinen Geschwistern ein großes Geschrei anfangen?
Würdest du beginnen, jemand anzuklagen?

Wenn die Erde deine Mutter wäre
Und sie wäre siech und elend, und dem Tode nah
Würdest du nicht bei ihr sein wollen?
Würdest du nicht heraustreten wollen aus den Wichtigkeiten deines Alltags und an ihr Krankenbett eilen?
Würdest du nicht ihre Hand halten und sie fragen, was sie braucht?

Hör, was sie spricht
Und du hörst nur, wenn du vom stolzen Pferd deines Wissens absteigst
Und du hörst nur abseits der grölenden Menge
Und du hörst nur, wenn du still wirst
Und du hörst nur, wenn du deinen Mund schließt und deine Ohren öffnest
Und du hörst nur, wenn du dein Herz öffnest
Und du hörst nur, wenn du nicht hörst, sondern lauschest.

Höre, Lausche
Unsre Mutter ist siech und elend und dem Tode nah
Halte ihre Hand
Spüre ihren Atem und atme mit ihr
Spüre den Schlag ihres Herzens und verbinde dich mit ihm
Ihr Atem ist der Wind in den Bäumen, überm Meer und der Flügelschlag eines Schmetterlings
Der Schlag ihres Herzens ist das Kommen und Gehen der Wellen und das Pulsieren jeder Zelle in deinem Körper

Geh hinaus in den Wald und leg dich auf den Boden
Spüre wie sie dich trägt
So wie sie uns alle trägt seit Millionen von Jahren
Grabe deine Hände in den Boden und rieche die Erde, die entsteht, ohne dass auch nur ein Mensch etwas dafür getan hätte.
Aus diesem Boden wächst alles, was du brauchst.
Die Pflanzen, die dir Nahrung sind
Und das Wasser, das du trinkst, speichert er und gibt es frei in der Quelle

Male keine Plakate, schreie nicht, bleib auf deinem Boden
berühre und ehre ihn
So wie viele Menschen vor dir
Seit Jahrtausenden
Bedecke die Erde und verletze sie nicht
Beute sie nicht aus
Zieht nicht am Grashalm
Pflanze einen Baum, am besten zwei

Wenn die Erde deine Mutter wäre
Und sie wäre siech und elend und dem Tode nah
Und du hieltest ihre Hand
Und spürtest ihren Atem
Und spürtest ihren Herzschlag
Wüßtest du nicht was zu tun wäre, so wie ein Kind weiß?
Würdest du sie nicht pflegen mit all deiner Hingabe
Und dich freuen über ihr Lächeln –
Die Würmer auf deinem Stück Land
Die Vögel, die Schmetterlinge und die Käfer
Die Kühle des Bodens im Sommer
Und die Wintersonne, die dich wärmt in einer Nische, draußen, wo keiner dich sieht
Bewache dann ihren Schlaf, so wie sie deinen bewacht seit deinem ersten Atemzug

Image by Gerd Maiss from Pixabay

4 Gedanken zu “Jeder Tag für Mutter Erde (Nachtrag zum Tag der Klimaproteste 20.9.2019)

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