Es kommt mir vor, als wären die Böden der Gläser Augen, die mich nun ängstlich anschauen. Mich fragen, was ich mit ihnen vorhabe. Die furchtvoll dem Verstoßenwerden entgegensehen. Blank und bloß, ihres Schutzpapiers entkleidet. Vor Tagen habe ich sie ausgepackt aus einer Kiste, die seit Jahren im Keller steht. Nachlaß, Erbe der Eltern. Die Gläser sind häßlich, im typischen Design der sechziger Jahre, aber sie rufen Bilder aus meiner Kindheit auf. Sie standen in einem Wohnzimmerschrank, den die Eltern sich bei ihrer Heirat angeschafft hatten und der bis zum Ende in der Elternwohnung stand. Es waren die guten Gläser. Aus Kristallglas und mit Schliff. Je sechs für Bier, für Saft, für Sekt, für weißen und roten Wein, für Likör, für Cognac und für Schnaps. Die Gläser waren wertvoll, sie wurden nur bei besonderen Anlässen hervorgeholt, man mußte achtsam mit ihnen umgehen. Im Alltag benutzte man andere, gewöhnliche. Sie standen stumm hinter den Schranktüren, Schiebetüren aus geriffeltem Glas, und warteten geduldig auf ihren Einsatz. Nein, vielmehr waren sie stumme Zeichen dafür, daß im Leben der Familie das Besondere einen Raum hatte. Daß die Familie die Möglichkeit hatte, aus dem Alltäglichen heraus in etwas Festliches hineinzutreten. Das kam selten vor, allenfalls ein, zwei Mal im Jahr. Aber die funkelnden, unbenutzten Gläser waren wie das Versprechen einer Möglichkeit.

Nun schauen mich die Gläser an, nachdem sie sich erstaunlich willig von mir in der Kiste haben zusammenschieben lassen. Nun sind es fügsame, ängstliche kleine Glastiere, die wenig Platz für sich beanspruchen, denke ich. Besondere und dabei bescheidene Gläser. Und mit diesem Denken weicht der Gedanke, die Kiste wie vorgesehen zum Glascontainer zu tragen, in den Hintergrund. Lieber wäre mir, ich könnte die ängstlichen gläsernen Tiere zu jemand in Obhut geben. Am liebsten wäre mir eine Familie, die sie als eine Besonderheit in einen Schrank stellt, sich gelegentlich an ihrem Funkeln freut und sie sich als Zeichen wählt für das Außergewöhnliche in ihrem Leben. Ab und zu möchte ich bei dieser Familie zu Besuch sein und mit ihr zusammen auf den Schrank mit den Gläsern schauen. Und ausprobieren, ob die Gläser noch die Kraft besitzen, Kindheitsbilder in mir zu erzeugen. Aber das geht natürlich nicht. Ich muß mich entscheiden, wie ich mit den Gläsern verfahren will. Doch zunächst will ich noch einmal zu der Kiste gehen und mir den Blick der Gläser anschauen.


Beitragsbild von annca auf Pixabay

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