Sprachliche Vorgänge, von niemandem geordnet oder gar reglementiert, und verlaufen doch mit einer Regelmäßigkeit, die man als Gesetz formulieren könnte. Das ist eine wohltuende Erfahrung.

Sprachen, die auch durch schriftliche Traditionen existieren, die registriert und überwacht und zum Bewußtsein gebracht werden von jeder Art Spachwissenschaft, solche Sprachen sind eher überladen mit Vorschriften, die sagen, was richtig und falsch ist. Der unaufgechriebene Dialekt besorgt das mit vollkommener Genauigkeit ohne jede Akademie oder auch nur Schriftlichkeit. Das heißt: nicht der Dialekt besorgt das, sondern die Leute, zum Beispiel das Dorf. Allerdings, wie das Nützliche stirbt der Dialekt, wenn seine Existenzbedingungen zu ungünstig werden. Um es zeitgenössisch auszudrücken: wenn das Logotop zerstört wird. Dann ist es Zeit, Nachrufe vorzubereiten. Diese Zeit wird allmählich vorstellbar.

MARTIN WALSER, EIN SPRINGENDER BRUNNEN (1998)

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