Das Oktoberkalenderblatt bringt uns ein Zitat von Hermann Hesse. Es stammt aus dem Buch „Wanderung“. Der Insel Verlag schreibt in seiner Inhaltsangabe dazu: nach langem poetischen Verstummen durch sein Engagement in der Kriegsgefangenenfürsorge hat Hesse diesen Text auf seiner Wanderung ins Tessin 1917/18 verfasst.

Aus der Kühle des Nordens sei er in die sinnliche und kreative Sinnlichkeit des Südens eingetaucht, sei vom Bürgerlichen ins Vaganten- und Abenteurertum übergegangen. Ein Wechsel auch von der vita activa in die vita contemplativa. Die „Wanderung“ bildet somit auch den Auftakt für Hesses Werke Siddharta und Steppenwolf.

Ein Baum spricht: in mir ist ein Kern, ein Funke, ein Gedanke verborgen, ich bin Leben von ewigem Leben. Einmalig ist der Versuch und Wurf, den die ewige Mutter mit mir gewagt hat, einmalig ist meine Gestalt und das Geäder meiner Haut, einmalig das Blätterspiel meines Wipfels und die kleinste Narbe meiner Rinde. Mein Amt ist, im ausgeprägten Einmaligen das Ewige zu gestalten und zu zeigen.

Wir begegnen in diesem Zitat zentralen Gedanken und Motiven, die Hermann Hesses Werk durchziehen. Die einzelne Erscheinung des Lebens, sei es Pflanze, Tier, Mineral oder Mensch, als Ausgeburt eines ewigen Stroms. Auf keltisch-germanischem Boden stehend, streckt Hesse seine Fühler nach Osten aus. Die Archetypen des Lebens, die immer gebärende Mutter Erde finden sich sowohl in den europäischen als auch in den indischen Mythen.

Hesse schrieb diesen Text in einer Zeit, in welcher die Zivilisation brach. In der auch die Kunst, sei es Literatur oder Malerei, das Gebrochene und Verzweifelte aufnahm und den Menschen als verloren in einer sinnlosen Welt darstellte. Er aber geht – in einem chinesischen Bild – zurück zur Quelle. Er geht in die Innerlichkeit und auf den Grund. Ganz gegen die Zeit und ihren Geist. Das macht Hermann Hesse so herausragend. Er zeigt uns die Verbindung zum Leben, zum Ewigen und zu einem tröstenden Urgrund, der alle Wirren überdauert. Nicht zuletzt deshalb wurde er für die Nachkriegsgenerationen der 60er und 70er Jahre zum meistgelesenen Autor.

Es ist ein einzelnes Wort, das aus dem Zitat heraussticht. Es ist das Wort Amt. Der Baum hat keinen Job, er hat ein Amt. Es ist ein Wort der Tiefe, der Dauer und der Würde. Dem Job mangelt es an all dem. So zeigt uns das Zitat auch, wie wichtig unser sprachlicher Umgang mit den Dingen und Erscheinungen ist.
Hans Neidhardt hat in seine grafische Gestaltung ein Originalbild des Autors eingefügt.

Worte: Lothar Eder
Grafik: Hans Neidhardt


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