Der Autor des Januarzitats, John Maynard Keynes, ist kein Unbekannter. Der 1883 geborene und 1946 gestorbene Brite ist v.a. durch seine Arbeiten zur Ökonomie und des nach ihm benannten Keynesianismus bekannt.

Durch den Urheber des Zitats betritt die Radikale Poesie mehr oder weniger unfreiwillig politisches Terrain. Es gibt zum einen kaum etwas Unpoetischeres als Politik. Andererseits läßt es sich in diesen Tagen kaum vermeiden, das Politische zumindest am Rande zu streifen. Aber sei’s drum.

Der Keynesianismus vertritt eine antizyklische Geldpolitik des Staates. Sehr vereinfacht besteht diese z.B. darin, dass der Staat in Zeiten wirtschaftlichen Rückgangs mehr Geld ausgibt, um die Wirtschaft anzukurbeln. Unter Berufung auf diese Prinzipien haben Staaten bzw. Zentralbanken, allen voran die EZB, in den letzten Jahren die Gelddruckmaschinen angeworfen um damit nationale und internationale Finanzkrisen abzumildern. Böse Zungen behaupten: um sie zu kaschieren und weiterzuwurschteln wie bislang. Ob John Maynard Keynes dieses Gebaren gebilligt hätte, darf zumindest bezweifelt werden.

Ein weiterer politischer Aspekt ist mit der Person von John Keynes verbunden. Er war im Jahr 1919 Berater der britischen Delegation im Rahmen der Verhandlungen zu den Versailler Verträgen, welche das Ende des 1. Weltkrieges regelten. Keynes warnte eindringlich vor den unbarmherzigen und untragbaren Forderungen an das Deutsche Reich. Nicht nur sollte ein Sechstel des Reichsgebietes abgetrennt werden, vielmehr überstiegen die Reparationsforderungen jedes vernünftige Maß. Keynes warnte damals davor, dass eben die daraus entstehenden Spannungen in einen weiteren Krieg münden würden. Er sollte recht behalten. Da er nicht gehört wurde, verließ er die britische Delegation und gab seinen Beraterposten auf. Einige Historiker nehmen in der Rückschau seine Sichtweise der Dynamik auf und sprechen nicht von zwei sondern lediglich von einem Weltkrieg mit einer Waffenruhe von 20 Jahren (1919-1939).

Nun aber genug von Politischem und Historischem und damit hinein in die poetische Sphäre und zu unserem Zitat, das auf unserem Januarkalenderblatt zu finden ist.

Die Schwierigkeit ist nicht das Neue, sondern das Alte loszuwerden

Das Zitat löst in mir Zustimmung und Skepsis zugleich aus. Ja, Altes, Überkommenes, Verbrauchtes loszuwerden – das ist natürlich gut. Wir alle wissen, wie schwer es ist, uns von alten Mustern zu lösen. Und wir haben Glück, wenn sie uns überhaupt bewußt werden. Jedoch – wir leben in Zeiten großer Umbrüche und ebensogroßer Veränderungszumutungen. Einiges davon hat unser Leben schon erreicht, einiges steht möglicherweise noch bevor. Vom Great Reset ist die Rede, vom Großen Neustart. Und es ist bekannt, dass sich hinter positiven Begrifflichkeiten nicht unbedingt positive Dinge und Dynamiken verbergen. Ich weiß – niemand hat vor eine Mauer zu bauen. Und ich weiß auch: Noah galt seinen Zeitgenossen wahrscheinlich als Verschwörungstheoretiker. Und er war Laie. Seine Arche aber hat das Leben auf der Erde gerettet. Die Titanic hingegen wurde von den herausragendsten Ingenieuren ihrer Zeit gebaut – bekanntermaßen ging sie unter.

So gesehen ergibt sich aus den Betrachtungen zu diesem Zitat eine weitere Herausforderung. Nämlich abzuwägen, was am Alten erhaltens- und bewahrenswert ist und was verabschiedet werden soll und darf. Und auch das Neue und Erahnbare sorgsam zu wägen und den Geist darauf einzustellen. Sicherlich kehren neue Besen gut. Manche von ihnen aber dienen niederen Kräften als Fluggerät.

Worte: Lothar Eder 2021
Kalligraphie: Hans Neidhardt

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