Offensein für jede neue Erkenntnis im Außen und Innen: das ist das Wesenhafte des Modernen Menschen, der in aller Angst des Loslassens doch die Gnade des Gehaltenseins im Offenwerden neuer Möglichkeiten errährt
Pablo Picasso

Auch das Aprilkalenderblatt von Hans Neidhardt ist durchzogen vom roten Faden und es nimmt stilistisch den Lieferanten des Zitats – Pablo Picasso – auf.

Das Zitat Picassos stammt aus dem Jahr 1923. In der Fußnote ist vermerkt, dass es einer Feststellung entstammt, welche Picasso gegenüber seinem Förderer Marius de Zayas getroffen hat. De Zayas hat Picasso in die New Yorker Galerienlandschaft eingeführt und ihm damit zum Durchbruch verholfen. I wanna wake up in a city that doesn’t sleep – dieser Satz aus dem Lied Frank Sinatras über diese Stadt steht für das Lebensgefühl New Yorks und wohl auch für dasjenige des „modernen Menschen“, von dem Picasso spricht.

Picassos Worte beinhalten das Versprechen der Moderne: das Freiwerden von alten Zwängen und einen Raum scheinbar unbegrenzter Möglichkeiten. Die Realität der späten Moderne, in der wir leben, aber zeigt die andere Seite: Rastlosigkeit, Verlorensein, unbegrenzter und kompensatorischer Konsum als wesentliches Heilsversprechen, Depression, Orientierungsverlust und kollektiver Sinnverlust.

Bei genauerer Betrachtung beinhaltet Picassos Statement einen Widerspruch. Es beschreibt treffend das Lebensgefühl des modernen Menschen. Gehaltensein aber geschieht in Bindung und Verbundenheit und nicht in Offenheit. Offenheit, viele Möglichkeiten zu haben, das ist Freiheit. Ich denke hier an die Polarität von Bindung und Individuation – beides sind wesentliche Elemente der individuellen menschlichen Entwicklung. Was aber ist Gehaltensein im Offenwerden? Was hält uns?

Ein Zeitgenosse Picassos, C.G. Jung, der Begründer der Analytischen Psychologie, beschreibt fast zeitgleich eben diese andere Seite des modernen Lebensgefühls. Er unternahm 1920 eine Reise nach Nordafrika und fand sich in einer komplett anderen Welt wieder, geprägt von einem Lebensgefühl der unendlichen Zeit. In seinen Erinnerungen („Erinnerungen, Träume, Gedanken“) schreibt er vom „überwältigenden Eindruck unendlich langer Dauer“. Das Gegenteil also von einem ständigen Entdecken neuer Möglichkeiten. Und er verweist auf das sentiment d’incomplétitude, das Gefühl des Unvollständigseins des modernen (europäischen) Menschen, das ganz im Gegensatz zum Gefühl der Dauer steht, das im Maghreb damals herrschte. Mit dem von alten Bindungen und Traditionen „erleichterten Gepäck setzt er [der moderne Mensch] seine Wanderung nach nebelhaften Zielen und progressiver Beschleunigung fort“, so schreibt C.G. Jung.

Nahezu jeder Konsumakt der spätmodernen Welt aber ist der vergebliche Versuch, Dauer herzustellen – und folgt dem impliziten Versprechen „wenn ich das besitze, bin ich glücklich, bin ich angekommen“. Die Wahrheit aber ist eine unendliche Abfolge von Enttäuschungen auf dieser Suche nach Dauer. Die Wahrheit, das ist: hoher Blutdruck, innere Leere und alle zwei Jahre ein neuer, noch größerer Fernseher.

Hat Picasso sich geirrt? Ich meine, nein. Er war wohl schlichtweg begeistert von all den Freiheiten und den Möglichkeiten, die sich ihm in seiner Kunst eröffneten, z.B. mit dem Kubismus und dem Hintersichlassen der alten Formen. Dem Lebensstil der Bohème der 20er Jahre. Er, der begnadete Künstler, hat aus einer inneren Quelle geschöpft, die nichts mit der Moderne, sondern – in der Sprache C.G. Jungs – mit dem kollektiven Bewußtsein, manche würden sagen, mit der Weltseele, zu tun hat.

Und ich stelle mir vor, wie beide, Picasso und Jung, sich angeregt über diese Themen unterhalten. Ich weiß nicht, ob sie sich jemals begegnet sind. Aber ich bin mir sicher, sie hätten sich, bei aller Gegensätzlichkeit, prächtig verstanden.

Kaligrafie: Hans Neidhardt
Worte: Lothar Eder

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