Nun sind wir also in den Raunächten angekommen, jenen 12 Tagen und Nächten zwischen dem 24. Dezember, der Christnacht, und Hl. Drei König, dem 6. Januar.

Nicht umsonst liegen die Raunächte nicht im Sommer, bei hellem Licht, sondern in der dunkelsten Jahreszeit. Denn nur hier entschwindet uns fast die Welt der Erscheinungen, das Sichtbare, Greifbare, die angeblich wirkliche Welt. Wenn wir uns darauf einlassen – ein Wagnis in der heutigen materialistischen Zeit – so bekommen wir die Chance, hinter die Dinge zu treten. Das was hinter der Wirklichkeit wirkt, zu erahnen und zu erspüren.

 

 

 

 

Ich denke an ein Zitat von Daniel Kehlmann – Es gibt Reiche unterhalb von Vernunft und Sprache. Eben darum geht es. Wenn es uns gelingt, hinter die Worte und unsere gewohnten Begriffe zu gelangen, wenn wir uns auf das Fühlen, die Intuition und unsere Träume einlassen, betreten wir die Sphäre der Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit.

So war es üblich in den alten europäischen Traditionen. Dafür gab es auch einen praktischen Anlass: die Kälte und das wenige Licht boten vielleicht wenig Möglichkeit, etwas zu tun. Und die Welt war noch nicht vom Menschen „entzaubert“ (Max Weber) – sie war noch voller Geheimnis. Und in einer Welt ohne Elektrizität, ohne ständigen Konsum und ohne all das billige Gelichter der medialen Welt war noch möglich, was heute aus dem Blick gerät: Innehalten, Demut und ein Gespür dafür, dass es eine Welt hinter der Welt gibt.

Und es gab verbindende Rituale in den menschlichen Gemeinschaften. Der Konsumismus, die Vereinzelung und die Medienwelt haben sie fast zerstört. Aber unsere Seelen dürsten danach. Wir brauchen die Verbindung in der Vertikalen (Himmel und Erde) ebenso wie jene in der Horizontalen (zu den anderen). Alle Kulturen zu allen Zeiten wußten das. Nur die unsere dünkt sich „fortgeschritten“.

Im Äußeren sollten wir uns erlauben, zur Ruhe zu kommen. Nicht zu tun. Das ist etwas anderes als „nichts zu tun“. Nicht tun, das heißt, die äußere Aktivität ruhen zu lassen und empfänglich zu werden für das was tat-sächlich geschieht, im Äußeren und im Inneren. Ohne einzugreifen. Daraus erwächst ein neues Verstehen, ein Erkennen dessen, was ist. Wir können uns mit unserem Fühlen verbinden. Nicht mit dem, wonach das Ego ständig greifen will. Sondern den Bewegungen in uns. Wir können die Welt auf uns wirken lassen. Und in den Dunkelheit bekommen wir ein Gespür für das was hinter den Dingen sich bewegt und sich uns mitteilen will.


 

 

Einzutreten in den Raum jenseits der Worte und Begriffe, den eigenen Träumen und inneren Resonanzen Raum zu geben, ist eine innere Energiequelle. Wir spüren oder erahnen, dass es eine Kraft gibt, aus der das, was sich manifestiert, erwächst. Sie verbindet uns mit dem, was wir wirklich sind und mit dem was unser Weg ist. Und die Verbindung zu dieser Kraftquelle will immer wieder hergestellt werden. So wie ein Auto betankt werden will, es fährt nicht von selbst.
Werde der du bist, sagte C.G. Jung. Aber den, der ich bin – oder die, die ich bin – finde ich nur im Kontakt mit mir. Das läßt sich nicht aus dem Regal nehmen, in den Einkaufswagen und später aufs Kassenband legen. Das ist ein Prozess. Die 12 heiligen Tage und Nächte, in denen wir uns gerade befinden, bieten dafür eine wunderbare Gelegenheit.

Text und Beitragsfotos: Lothar Eder

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