Vor vielen Jahren fiel mir ein schmales Buch in die Hand, das trug den Titel „Umarme deine Wut“. Der Autor hatte einen merkwürdigen Namen – Thich Nhat Tan. Ich erfuhr, dass es sich um einen berühmten vietnamesisch-buddhistischen Mönch handelte, der in Frankreich ein Mediationszentrum leitet.

Dass man seine Wut umarmen kann, fand ich eine herausfordernde Idee, die mir aber nach einigem Ausprobieren sehr vertraut wurde. Dass man seine Emotionen lösen kann, indem man sie beobachtet, war mit aus der Meditation bekannt. Dass man sie aber in den Arm nehmen kann, das war wirklich eine neue und angenehm wohltuende Angelegenheit.

Ich las über Thich Nhat Hanh. Und erfuhr, dass er 1969 Mitglied der vietnamesischen Delegation bei den Friedensverhandlungen in Paris war. Er berichtete davon, wie die aggressiven Äußerungen eines amerikanischen Delegierten ihn in Zorn versetzten und wie er sich mit Atemübungen wieder beruhigte, um nicht zu platzen.
Das hat mich beeindruckt. Ein Mönch, der zornig werden konnte war mir näher als einer, der nur in verzückter Gelassenheit dasitzt. Und er beschrieb eine Technik, mit deren Hilfe man auch heftige Gefühle regulieren kann. Das gefiel mir und passt bis heute sehr gut zusammen mit den körperpsychotherapeutischen Vorgehensweisen, mit denen ich andere begleite und die ich für mich selbst nutze

Nach Thich Nhat Hanh sollen wir auch den Abfall, den Mist wertschätzen. Denn der Mist ist Dünger für die Rose. Ihre Schönheit und ihr Duft sind nur möglich, weil es den Mist gibt. Der Mist und die Rose gehören zusammen. Wir sollen also auch das scheinbar Unbrauchbare in uns achten, denn aus ihm kann eine wunderschöne Blume entstehen. Das finde ich bis heute eine wundervoll wertschätzende Haltung sich selbst und dem Leben gegenüber, die das Werk von Thich Nhat Hanh einzigartig macht. Er nennt das Interbeing, zu deutsch Intersein. Alle Phänomene resultieren aus abhängigem Entstehen. Die Wolke ist in der Rose, obwohl man in der Rose keine Wolke sieht. Aber die Rose wurde zu Rose durch den Regen, der aus der Wolke kam. Diese Haltung ist eine Heilkur für das individualistische, konkurrenz- und dominanzorientierte Denken unserer sogenannten Zivilisation.

Am 22. Januar 2022 ist der Meister der Achtsamkeit hinübergegangen. Danke Thich Nhat Hanh für alles, was du der Welt geschenkt hast!

Wenn wir tief der Musik des Windes oder dem Singen der Vögel zuhören; wenn wir jede Blume, Pflanze oder Vogel tief betrachten, können wir sehen, dass jedes dieser Phänomene uns den Dharma lehrt
Thich Nhat Hanh

2 Gedanken zu “Der Meister der Achtsamkeit ist gegangen – Zum Tod von Thich Nhat Hanh

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