Zitat des Tages – Herr Hürdler

Mein Ohr hat’s vernommen, mein Herz hat’s gehört

Schneidermeister Hürdler

 

Den Schneidermeister Hürdler kennt keiner. Außer mir. Was wohl auch nicht ganz stimmt. Denn Herr Hürdler lebte zwar, da geschieden, alleine. Aber er hatte eine damals schon erwachsene Tochter. Zudem war er Mitglied in einer Sekte, wie man damals sagte und übte dort, so erzählten meine Eltern, eine hochrangige Funktion aus. Also kannten ihn seinerzeit diejenigen, die ihn eben kannten, und es sei ihm zu wünschen, daß sich außer mir noch einige andere Menschen an ihn erinnern.
Im eigentlichen Sinn aber ist der Schneidermeister Hürdler vollkommen unbekannt, im Gegensatz etwa zum Tapferen Schneiderlein oder zum Schneider von Ulm.

Dennoch hat der Hürdler es hier herein, in die Radikale Poesie geschafft, und das kommt so: Weiterlesen

Letzte Sätze, Folge 7

„Ich schwebte, als sei ich im Innern einer Seifenblase“, sagte der polnische Kosmonaut Miroslaw Hermaszewski. „Wie ein Säugling im Schoß der Mutter. In meinem Raumschiff bleibe ich immer das Kind der Mutter Erde.“
Es gab Kosmonauten, die auf ihre Reise Musik mitnahmen, aber zuletzt nur noch Kassetten mit Naturgeräuschen hörten: Donnergrollen, Regen, Vogelgesang. Andere hatten ein Gemüsebeet im All und züchteten Hafer, Erbsen, Rüben, Radieschen und Gurken, strichen mit der Handfläche beseligt über die frischen Pflänzchen oder empfanden tiefe Trauer, als Fische in einem Becken die Reise nicht überstanden. Am äußersten Ende der Exkursion zu den Grenzen des Erreichbaren, die technologische Rationalität mit einer Meisterleistung krönend, entdeckten sie das Kreatürliche, das Spirituelle und das Moralische und kehrten zurück zum Anfang, zum Kind, zum Säugling, der da liegt wie der zusammengekauerte Todesschläfer, der letzte komplette Mensch. Seine Zukunft muss ihm unvorstellbar gewesen sein. Sie ist es noch.

 

Roger Willemsen, Wer wir waren

 

Zitat des Tages, 21. Januar 2019

Nicht viel wird gehoben mit Worten, nicht viel.
Der größere Teil eines Menschenlebens bleibt schattenhaft
Unterm Wasserspiegel, undeutbar für immer.

Durs Grünbein, Unterm Wasserspiegel

 

Fotografie © Lothar Eder 2019

Letzte Sätze, Folge 6

Und wie wenig bleibt von jedem einzelnen Menschen in der Zeit, die so unnütz ist wie glatter, rutschiger Schnee, von wie wenig hat man Ahnung, und von diesem Wenigen wird so vieles verschwiegen, und von dem, was nicht verschwiegen wird, bleibt später nur ein winziger Teil in Erinnerung und nur für kurze Zeit: Unterdessen streben wir langsam unserer Auflösung entgegen, nur um auf der Rück- oder Kehrseite  der Zeit zu wandeln, wo man nicht weiter denken und auch nicht weiter Abschied nehmen kann: ‚Leb wohl, Gelächter, und leb wohl, Schmach. Ich werde euch nicht wiedersehen, und ihr mich auch nicht. Und leb wohl, Lebensglut, lebt wohl, Erinnerungen.‘
Javier Marías, Morgen in der Schlacht denk an mich