Mein (un)poetischer Alltag – Der Schuh- und Modefreund

Auf dem Wohnzimmertisch sehe ich in der Tagespost ein Schreiben, das „An die Schuh- und Modefreunde“ unter meiner Adresse gerichtet ist.

Gleich entsteht in mir die Frage, ob ich wohl damit gemeint sein könnte. Aber was ist ein „Schuh- und Modefreund“? Ja, ich bin insofern ein Freund von Schuhen, als ich mich mit ihnen, vor allem auf der Straße, wesentlich wohler fühle als barfuß zu laufen. Reicht jedoch diese Selbstkategorisierung, um mich berechtigterweise einen „Schuhfreund“ nennen zu dürfen? – Hier regt sich ein erster innerer Zweifel. Weiterlesen

Mein (un)poetischer Alltag – die Rückkehr der Kraniche

Als ich im Dunkeln kurz nach draußen gehe, höre ich das Geräusch. Wer es einmal gehört hat, vergißt es nicht. So tönen nur Kraniche. Sie fliegen über die Dächer Richtung Nordosten. Ich sehe sie nicht, sondern höre sie nur. Kraniche fliegen auch bei Nacht. Es dürften etwa zwei Dutzend sein. Sie künden vom Ende des Winters und vom Neubeginn im Bekannten, denn Kraniche sind zwar viele Tausend Kilometer unterwegs, aber sie sind ortstreu. Weiterlesen

Der Augenblick der Gnade – Das grüne Leuchten von Eric Rohmer

Wer nicht in die Welt zu passen scheint, der ist immer nahe dran, sich selbst zu finden

Herrmann Hesse

 

Die Filme von Eric Rohmer sind aus (mindestens) zweierlei Gründen ein Genuss: sie sind langsam und sie sind unaufgeregt. Eine weitere Qualität ist die Leichtigkeit der Erzählweise, mit der sie in der Tiefe etwas anrühren. Schaut man sich heute Rohmerfilme an, so wird einem deutlich, wie schnell, hastig und rastlos die Welt seit den Achtzigerjahren geworden ist.

Worum geht es? Weiterlesen

Zitat des Tages – 9. Februar 2019

Wann immer ich den den grenzenlosen Ton höre,
In der Tiefe der Nacht, oh Mutter,
Finde ich dich wieder
Kyozan Joshu

 

Dieses Kurzgedicht des Zenmeisters Kyozan Joshu spricht eine Ursehnsucht und eine Urangst der Menschen an: das Bedürfnis nach und die Angst vor dem Verlust der Mutter. Zunächst ist die eigene, persönliche Mutter gemeint. Das Gedicht weist aber über das Persönliche hinaus auf die Große Mutter, das Mütterliche an sich, das jeder Mensch im besten Falle als Kind in nährender und liebender Weise erfahren hat. Mit dem Erwachsensein findet traditionell die Anbindung an das Mütterliche an sich statt. Sei es Mutter Erde, die Jesusmutter Maria oder Guanyin, der weibliche Buddha des Mitgefühls.
Das Gedicht beinhaltet eine innere Suchrichtung. Das Hören des Tons setzt ein offene Haltung für diesen Ton voraus. Warum ist der Ton grenzenlos? Weil er transpersonal ist, er weist über den einzelnen Menschen hinaus. In dieser offenen Haltung wiederum  läßt sich das Hören des Tons, der Trost im Gefühl des Un-Gehaltenseins finden.
In der späten Moderne lieferte John Lennon mit seinem Lied „Mother“ einen Klagegesang, der das Ungeströstetsein beschreibt, das aus dem vergeblichen Suchen nach der Mutter, dem Mütterlichen erwächst. Wir finden das Motiv auch wieder in Richie Havens „Sometimes I feel like a motherless child“.

 

Kalligraphie: © Hans Neidhardt 2019

 

 

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Gedicht des Tages – Das Glück der Sätze

Das Glück der Sätze. So überschreibt Wolf Wondratschek in der Frankfurter Anthologie  seine Vorstellung eines Gedichtes von Ernst Jandl. Und da heißt es: „Begnügen wir uns mit der Einsicht, daß alle Liebegedichte Fragmente bleiben, Fragmente einer großen Konfession, die ihre Triumphe still für sich behält. Jandls Gedicht sagt das Sagbare – und respektiert das Unsagbare“.

 

liegen, bei dir
ich liege bei dir, deine arme
halten mich, deine arme
halten mehr als ich bin.
deine arme halten, was ich bin
wenn ich bei dir liege und
deine arme mich halten

 

Fotografie: Höllbach © Lothar Eder 2015