Zitat zum Tag

„Bücher beschützen. Dem Leben, das nachfühlbar erzählt wird, kann für kurze Zeit das Diffuse und Bedrohliche genommen werden. Nicht zuletzt rührt die Geborgenheit im Buch auch daher, daß gebannt ist, was den Lesenden ängstigt oder beruhigt; gefesselt in der Formulierung, hat es keine Macht mehr über ihn, jedenfalls für die Dauer der Lektüre. Nur das Glück fühlt sich nicht wohl im Text, das Glück muß fliehen. Ein Reh ohne Scheu, das riecht immer gleich nach Disneyland.“
Ralf Rothmann, Feuer brennt nicht, S. 80 der TB-Ausgabe.

Zitate zum Tag

„Das Denken macht die Dinge lächerlich, Ed. Alles wird zur Anekdote. Ins Innere der Poesie kommen wir nie. Auch die Surrealisten sind lächerlich, weil sie das Problem technisch zu umgehen versuchen, von den Dadaisten ganz zu schweigen, die alles zerschlagen und dann darauf lauern, daß irgendjemand kommt und behauptet, das Ganze hätte einen Sinn. Was wir aber brauchen, ist unsere Stimme, sie ist die Musik, sie lauscht den Worten die Welt ab. Was wir brauchen, ist unsere Stimme und einen Raum voller Abwesenheit – ein Ort zur Gewinnung von Zeit.“

Lutz Seiler, Kruso, S. 217

 

„Die Schwierigkeit ist heute nicht mehr, daß wir unsere Meinung nicht frei äußern können, sondern Freiräume der Einsamkeit und des Schweigens zu schaffen, in denen wir etwas zu sagen finden. Repressive Kräfte hindern uns nicht mehr an der Meinungsäußerung. Im Gegenteil, sie zwingen uns sogar dazu. Welche Befreiung ist es, einmal nichts sagen zu müssen und schweigen zu können, denn nur dann haben wir die Möglichkeit, etwas zunehmend Seltenes zu schaffen: Etwas, das es tatsächlich wert ist, gesagt zu werden.“

Gilles Deleuze, Mediators, in: Byung-Chul Han, Neoliberalismus und die neuen Machttechniken, S. 76

Alltägliche Anschläge auf die Poesie, Teil 1

Vorne auf der Hauptstraße gab es immer einen kleinen Buchladen. Ich kaufte fast all meine Lektüre dort. Buchläden waren immer eine Art Heimat für mich. Wo Bücher sind, da laß dich ruhig  nieder, böse Menschen haben einen Kindle Reader. Nein, so radikal stimmt das natürlich nicht. Aber der Geruch, die Haptik eines Buches sind einfach unübertroffen. Letztes Jahr nun schloß der Laden. Es lohne sich nicht mehr, sagte die Besitzerin. Nun bleiben mir für den Bücherkauf nur zwei Möglichkeiten: der lange Weg in die Innenstadt oder das Internet.

Der Laden stand lange leer. Vor einigen Wochen dann waren die Scheiben mit Zeitungspapier verklebt. Neues kündigte sich an. Es kam: ein Laden für E-Zigaretten. Wenn das kein Abstieg ist. Wenn ich dran vorbeigehe, versuche ich den Laden zu ignorieren. Aber er schreit mich förmlich an, tippt mir auf die Schulter und sagt: hey, ich bin das Neue, ich bin der Fortschritt, hey ich bin kuhl (heutzutage benutzen alle dieses Drogenwort – cool). 

Wenn ich könnte, dann würde ich dem Buchladen versprechen, daß ich noch mehr Bücher kaufe, nur damit er wiederkommt. Aber das ist natürlich ein abwegiger Gedanke, den nur ein hoffnungsloser Traumtänzer hervorbringen kann. Uncool eben.