In der Psychologie gibt es eine wesentliche Unterscheidung von Ebenen, die leicht durcheinander gebracht werden. Es sind dies einerseits die Ebene der (rationalen) Logik und andererseits diejenige der seelischen, also der Psycho-Logik. Die Vermischung beider Ebenen führt leicht dazu, daß man versucht, ein Problem mit der falschen Logik zu lösen. Ein Beispiel dafür wäre folgendes: man liegt abends im Bett und kann nicht einschlafen. Die Gedanken, die einem dann durch den Kopf gehen, ergeben auf der rational-logischen Ebene keinen Sinn, also bewertet man sie als „un-sinnig“. Allerdings bringt die innere Ermahnung „was denke ich denn da für ein komisches Zeug, am besten höre ich damit auf“ keine Lösung: das scheinbar unsinnige Denken hört eben leider nicht auf.

Das ist ungefähr so, als wollte man mit einem heißgelaufenen Motor oder einem Kessel mit Überdruck diskutieren und ihn mit Argumenten zum Abkühlen bzw. zum Druckablassen bewegen. Genau dieser Lösungsweg aber wird oft beschritten. Und oft genug geschieht dies nach dem Motto: und wenn ich mit einer Methode nicht erfolgreich bin, verdoppele ich meine Anstrengungen (mit derselben Methode). Der bessere Lösungsweg wäre einer, der einer psychologischen oder einer psychosomatischen Logik entspricht. Überdruck wird nicht durch Argumente, sondern durch Druckverminderung abgeführt. In dem konkreten Beispiel kann dies grob gesagt durch Entspannung geschehen. In der Fachsprache nennt man das Downregulation, also „Herunterregulieren“. Das kann über Imagination, also Vorstellungsübungen geschehen, über Atemübungen, Qi Gong, Jin Shin Jyutsu oder ähnliches. Geborgenheit und Trost regulieren Spannungszustände herunter und die lästigen Gedanken fließen gleichsam ab.

Nun saß ich letztens mit einer relativ jungen Patientin in der Therapiesitzung und sie schilderte mir eine Problemlage, die der oben genannten Logik entspricht. Sie beschrieb das Problem auf der psychologischen Ebene (nicht einschlafen können, Grübeln) und Problemversuche auf der logischen Ebene („das sind doch völlig unsinnige Gedanken, die bringen doch nichts, warum habe ich die“ etc.). Ich erklärte ihr das Modell der verschiedenen Ebenen der Logik und wollte ihr ein eindrückliches Beispiel geben. „Sie kennen doch sicherlich Karl Valentin“ sagte ich einleitend und zu meinem Erstaunen schüttelte die Patientin den Kopf. Ehrlich gesagt war ich ein wenig entsetzt, denn Valentin gehört für mich zum deutschen Kulturerbe. Aber wahrscheinlich haben sich die Zeiten sehr gewandelt; die Menschen kennen alle möglichen „Komidjäns“, doch die Altmeister wie Karl Valentin oder Werner Finck geraten in Vergessenheit.

Nun, ich erklärte der jungen Dame, wer Valentin war und erzählte ihr kurz die Szene, die für mich so eindrucksvoll die Ebenenverwechslung demonstriert. In der Szene „In der Apotheke“ spielt Valentin einen Kunden und Liesl Karlstadt spielt den Apotheker. Valentin bringt sein Anliegen vor und sagt einen komplizierten Begriff auf, der irgendwie pharmazeutisch klingt. Nach einigem amüsanten Hin und Her ist geklärt, um welchen Stoff es sich handelt. Der Apotheker will nun die Eignung des Medikamentes abprüfen. Für wen denn das Medikament sei? Für ein Kind, sagt der Valentin. Ja, was denn das Kind für Symptome habe. Weiß ich nicht, sagt Valentin, das Kind sei verstockt, es sage nichts. Ja, und wie alt das Kind denn sei. „Drei Monate“ ist die Antwort. Aber da könne das Kind ja noch nicht sprechen! Valentin entrüstet (und eindrucksvoll die Zugangsebenen verwechselnd): Ja, wenn es nicht sprechen könne, dann könne es doch wenigstens dorthin deuten, wo es ihm weh tut! Er habe zu dem Kind gesagt: wenn du schön dorthin deutest, wo es dir wehtut, bekommst du, wenn du groß bist einmal ein wunderschönes Motorrad. Aber: das Kind sei halt verstockt.

Soweit also das Beispiel. Die Patientin war amüsiert. Und bereit zum Ebenenwechsel (der mit Humor natürlich besser gelingt).

Fazit: Wenn (sehr) kleine Kinder schreien, wollen sie in der Regel aufgenommen und nicht nach Zukunftswünschen befragt werden (bei nicht nachlassenden Beschwerden fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker).

Fazit 2: Wenn Sie nicht einschlafen können und stattdessen grübeln, suchen Sie nach Trost und Geborgenheit und/oder machen Sie eine Entspannungsübung anstatt mit sich zu diskutieren oder zu hadern.

Fazit 3: schauen Sie sich Filme von Karl Valentin an, das lohnt sich (fast) immer.

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