Ich erinnere mich: als ich ihn, den damals, vor 10, 12 Jahren als neuen Star am Jazzhimmel gehandelten Pianisten das erste Mal auf der Bühne sah. An den jungen Mann, der aussah, als käme er gerade vom Abiturball (dem eigenen): großgewachsen, schlaksig, bleich, verwuschelte Haare, der sich artig vor dem Publikum verneigte und ein wenig unsicher wirkte. So als würde er selber denken: gehöre ich überhaupt hierhin? Doch diese Frage war schnell beantwortet, sobald der junge Mann sein Instrument in Gebrauch nahm. Da konnte man froh sein, zu sitzen. Denn dieser Klang, diese kraftvolle Versunkenheit ins eigene Spiel, diese Virtuosität und Sicherheit im Vortrag hätte das eigene Stehvermögen herausgefordert. Ich erinnere mich an zwei Konzerte damals: einmal mit [em], dem Trio mit Eva Kruse am Kontrabaß und Eric Schäfer am Schlagzeug; ein andermal mit dem Saxofonisten Heinz Sauer.

Nun also, am 25.10.2018, ziemlich genau drei Jahre nach dem legendären Duokonzert mit Gary Peacock, spielt das Michael Wollny Trio im Rahmen des „Enjoy Jazz“-Festivals erneut im Feierabendhaus der BASF in Ludwigshafen. Wollny wird begleitet von Christian Weber am Baß und von Eric Schäfer am Schlagzeug. Beide setzen im Laufe des Abends eigene Akzente, solieren, kontrapunktieren, stimmen ein und lassen im Dreierverbund ein ständig sich veränderndes Klangewebe entstehen.

Es braucht ein erstes Stück, damit die Herren zusammenfinden. Aber dann geht es los, hebt ein Klang an vom Flügel her, wird aufgenommen von der Rhythmusabteilung, entstehen Gewebe, von denen man glaubt sie zu kennen, aber woher? Hat man sie schon einmal gehört oder haben sie im eigenen Inneren geschlummert und treten jetzt zu Tage, ans eigene Ohr? Doch soweit kommen die Gedanken nicht, sie werden fortgespült von der Musik. Eric Schäfer läßt fein gewobene rhythmische Strukturen ertönen, Christian Weber beherrscht den fetten Kontrapunkt ebenso wie die zarten Flageolettöne. Wunderbar durchkomponierte Passagen wechseln mit improvisierten, ufern aus, bekommen Wellengang, entwickeln interferierende Muster, gegenläufig, konvergierend, zart verklingend.
Wollny filetiert bekannte Themen, macht mit seinen Kumpanen einen Stampfrhythmus daraus, zerbröselt das Ganze bald danach und läßt die Fragmente wie Luftblasen aufsteigen und entschweben in den gleichsam hörbaren Nachthimmel über Ludwigshafen. Wäre der Begriff der „perlenden Arpeggien“ nicht so abgegriffen, man möchte ihn für manche kurze Passage verwenden. Dann wieder verfallen die drei in einen 7/8 Takt (wenn ich richtig gezählt habe), der einen ganz wuschig macht.

Man glaubt Zitate von Herbie Hancock zu hören, von Chick Corea, Esbjörn Svenson, McCoy Tyner, Hugo Wolf, Jacques Loussier, John Evan, Claude Debussy … Kaum aber glaubt man, ein Thema festmachen zu können und nun zu wissen, wie es weitergeht – es geht auch eine Weile so weiter, doch dann biegt Wollny mit seinen Begleitern ab, nimmt eine neue, unerwartbare Strecke und auch diese ist genau die richtige. „Kontingenz“ eben, könnte man mit Luhmann sagen.

Wollny erweist sich einmal mehr als Lyriker, als elegischer Geist. Er sitzt ja nicht nur an seinem Zauberkasten. Manchmal steht er auch davor, so als ob er gerade zufällig mal vorbeigeschaut hätte und entlockt ihm Töne, die erst nach und nach in eine Struktur finden. Er versinkt gleichsam in seinem Instrument, verschmilzt mit ihm. Spielt, so hört es sich an, nicht mit zehn, sondern mit 20 Fingern. Aber da sitzt nur einer mit zwei Händen, wenn man die Augen dann wieder öffnet, kann man es sehen. Wenn man genau Acht gibt, merkt man: der Mann spielt nicht Piano. Er spricht Piano. Er atmet durch sein Instrument. Es ist sein Medium. Durch es plaudert er, raunt, seufzt, gurgelt, surrt, schreit, säuselt, singt, summt, lacht, meckert, stöhnt er, stampft auf und geht leise hinaus durch eine unsichtbare Tür.

Es erging mir ähnlich wie Paul Valéry es  angesichts des Meeres beschreibt (https://radikale-poesie.com/2018/10/13/blicke-auf-das-meer-regards-sur-la-mer-paul-valery/#more-1356): Fortgetragen von diesen Klängen zu seinem eigenen Innern finden sich dort Gedankenfetzen, Bilder, Sätze, Fantasien, alles Seelenmaterial, das nur darauf gewartet hat, endlich entdeckt zu werden als das, was in einem selbst keimt.

Nach eineinhalb Stunden gibt es eine Zugabe. Und dann noch eine. Dann ist Feierabend im Feierabendhaus. Niemand protestiert, die meisten im Publikum sehen so aus, als müßten sie am nächsten Morgen zur Arbeit gehen. Wie ich. Blickt man sich um, sieht man in frohe Gesichter.

Ist das noch Jazz? Aber ja! Oder, wie Frank Zappa einst bemerkte: „That’s sort of like jazz in its own peculiar way. Jazz is not dead, it just smells funny”.

 

 

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