Die Verwirrung legt sich, ich kann wieder richtige Sätze denken. Ich schließe daraus, daß ich meine Entscheidung überlebt habe. Am Flußufer spielt eine abgehalfterte Popgruppe auf einer Bühne. Um die Bühne herum sind ein paar Holzbänke, Tische und Sonnenschirme aufgebaut, außerdem eine Pommesbude und ein Bierausschank, Die Stadtverwaltung nennt dieses jährlich im Sommer wiederkehrende Angebot ein „Kulturprogramm für Daheimgebliebene“. Einzelne vereinsamte Kinder und Männer mit Biergläsern in der Hand suchen sich einen Platz unter den Sonnenschirmen. Ein paar Rentner wanken herbei und lassen sich stöhnend auf die Bänke sinken. Eine Handvoll Obdachlose kommen mit ihren Frauen und Hunden dazu. Es entsteht ein Bild wie nach der Apokalypse. Die Überlebenden müssen beruhigt werden. Ich gehöre zu ihnen, ich lehne mich gegen einen Baum. Die Musik ist laut und mittelmäßig, aber die Leute sind froh, daß es außer dem Verkehrslärm, den Polizeisirenen und dem Gedröhn der Flugzeuge noch etwas anderes zu hören gibt. Ich erhole mich von den Resten meiner Liebesmilitanz, bis ich sie nicht mehr spüre. Mir gefällt meine wirre Schweigelust und das Herumstehen in der öffentlichen Belanglosigkeit.
(Wilhelm Genazino, Die Liebesblödigkeit)

Ein Gedanke zu “Letzte Sätze, Folge 3

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