Wer nicht in die Welt zu passen scheint, der ist immer nahe dran, sich selbst zu finden

Herrmann Hesse

 

Die Filme von Eric Rohmer sind aus (mindestens) zweierlei Gründen ein Genuss: sie sind langsam und sie sind unaufgeregt. Eine weitere Qualität ist die Leichtigkeit der Erzählweise, mit der sie in der Tiefe etwas anrühren. Schaut man sich heute Rohmerfilme an, so wird einem deutlich, wie schnell, hastig und rastlos die Welt seit den Achtzigerjahren geworden ist.

Worum geht es? Delphine, eine alleinstehende Pariser Sekretärin weiß nicht, wo sie ihre Sommerferien verbringen soll. Sie bekommt verschiedene Angebote von Freunden, sie zu besuchen oder deren Ferienunterkünfte zu nutzen. So reist sie unentschlossen erst in die Berge, dann aufs Land und schließlich ans Meer. An keinem Ort und in keiner Gesellschaft fühlt sie sich richtig. Auch sich selbst scheint sie nicht richtig zu finden. Und dennoch ist, so stellt es sich am Ende heraus,  in all ihrer Unsicherheit und all ihrer vordergründigen Ablehnung von Orten und Gelegenheiten ein sicherer Kern verborgen. Gerade als sie Biaritz wieder verlassen will, kommt es zu einer Begegnung, die sie endlich Erfüllung finden läßt. Mit dem Mann, den sie zufällig in der Wartehalle des Bahnhofes getroffen hatte, erlebt sie das „grüne Leuchten“ („Le rayon vert“). Dies ist ein Phänomen, das sich sehr selten beim Untergang der Sonne über dem Meer ereignet und das als magisch gilt.

Jule Vernes Roman „Das grüne Leuchten“ taucht im Film scheinbar beiläufig auf. Wie zufällig wohnt der Betrachter einigen Szenen bei, in denen eine Gruppe älterer Menschen über das Phänomen des grünen Leuchtens und das Buch spricht.
Delphine ist nicht bewußt auf der Suche nach dem grünen Leuchten. Sie ist im Verlaufe der Filmhandlung einige wenige Male Zeichen begegnet, die sie innehalten lassen, die sie aber nicht versteht. Z.B. findet sie auf dem Trottoir eine Spielkarte, eine Pik Dame. Ihr schreibt man die Ermutigung zu, sein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.  Delphine aber lernt ihr Ziel erst im letzten Teil des Films kennen. Man könnte sagen, es taucht aus den Schichten des Unbewußten in das Bewußtsein auf. Erst als sie Edouard in der Bahnhofshalle begegnet, stellt sich dieses Wissen ein. Dies ist gegensätzlich zu Helena („die Leuchtende“), der weiblichen Hauptfigur bei Jule Verne; denn Helena weigert sich bewußt zu heiraten und ist nur zur Heirat mit jemandem bereit, mit dem sie das grüne Leuchten erlebt. Helena bringt also ihr Wissen in die Begegnung mit, bei Delphine dagegen entsteht  es erst durch die Begegnung.

Im Filmlexikon ist zu lesen, dass Delphine am Ende, als das grüne Leuchten erscheint, einen Augenblick der Gnade erlebt. Dem ist zuzustimmen. Der Film ermuntert uns, nicht aufzugeben, auch wenn wir uns falsch in der Welt fühlen, und unserem inneren Kompass zu vertrauen, auch wenn wir gelegentlich daran zweifeln.

Fotografie: DAS GRÜNE LEUCHTEN © Lothar Eder 2010

 

Ein Gedanke zu “Der Augenblick der Gnade – Das grüne Leuchten von Eric Rohmer

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