Während einer Aufführung saß ein Behinderter, ein spastisch Gelähmter im Theater. Er kam später und veränderte sofort die Stimmung im Saal. Zu dem Sprechen, Laufen und Gestikulieren der Schauspieler machte er Laute, mal eine Art Lachen, mal andere Töne, die mir als Beifall, als Erstaunen, als intensives Beteiligtsein des Mannes vorkamen. Ich merkte, wie auch die anderen im Saal aufmerksam für ihn waren. Ich glaubte ihr Befremden zu spüren. Der Mann brach die Regel, daß vorne gesprochen und gehandelt, im Zuschauerraum aber geschwiegen wird. Damit wurde er zum Teil der Inszenierung. Zunächst fühlte ich mich gestört und spürte den Impuls, ihm zu sagen, er solle ruhig sein. Doch ich dachte mir, er würde mich wahrscheinlich nicht verstehen. Und ich würde mir den Tadel der anderen Menschen zuziehen. Wohl wären einige froh, daß einer ausspricht und umsetzt, was auch sie denken. Sicher aber wäre diejenige Seite stärker, die den Behinderten erlaubt, es sich sogar wünscht, daß sie sich im öffentlichen Raum frei ausleben können anstatt in ihren Nischen verwahrt zu werden. Kaum einer mehr hat Zutrauen zu seinem eigenen Befremden, auch ich nicht. So spürte ich mit meinem Gedanken des Einschreitens sogleich die fremde und eigene Kritik auf der Haut. Und versteckte mein Befremden wie viele andere.

Dann beobachtete ich die Reaktionen des Behinderten auf das Stück. Eine Zeitlang war er ruhig und ich versuchte herauszufinden, woran dies lag. Später warf er wieder seine Geräusche in den Saal hinein. Mir kam es vor, als ob er vor allem auf bestimmte Gesten reagierte. Darauf, wenn die Menschen vorne auf der Bühne miteinander etwas taten. Eine Vielzahl gesprochener Worte, die einfach nur aus den Mündern der Akteure herauskamen, reizten ihn nicht zum Mittun. Da wurde mir klar, daß der Mann ein kindliches Gemüt hatte. Gerne hätte ich gewußt, wie der behinderte Mann das Stück wahrnimmt, was er sieht und hört. Fünf Minuten in das Kopfkino eines anderen einziehen und dann wieder zurück ins eigene!

Nach dem Ende des Stücks sah ich ihn vor der Garderobe stehen. In einer festgefrorenen Pose stand er da, absurd verrenkt und mit dem Zeigefinger der einen Hand nach oben weisend in die Leere. Dann bewegte er sich in Richtung Ausgang. Seine Bewegungen waren die eines Gefesselten, der sich im Gehen fortwährend zu entwinden versucht. Ich spürte ein Mitgefühl, doch es erschien mir nun nicht mehr zulässig. Erst gönnst du dem Mann sein Vergnügen nicht und jetzt schickst du ihm noch ein paar warme Gefühle hinterher dachte ich. Doch dann entschloß ich mich, nicht gar so streng mit mir zu sein.

 

 

Titelbild: Pixabay

8 Gedanken zu “Mein (un)poetischer Alltag: Der Spastiker im Zuschauerraum

    1. Ok – aber den Punkt des „nicht geübt seins“ verstehe ich immer noch nicht. Es geht ja nicht um Tun oder Lassen, sondern um das Einnehmen einer bestimmten inneren, also einer 3. Position, welche die Ambivalenz auflöst. Das ist der gedehnte Blick.

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    2. Ja, magst andere (mich) gerne für naiv halten, das sei dir unbenommen. Ich hatte mich eben gefreut, dass jemand sagte, er hätte am liebsten das gemacht, sich es dann anders überlegt hat, aus den unterschiedlichsten Gründen und dann was anderes gemacht hat. Jemand, der eben ambivalente Gedanken hat. Dass du dich jetzt über andere erhebst, zeigt mir nur (was ich schon wusste), dass Schauspieler sich allesamt für besondere Menschen halten. Lösche einfach die Kommentare und schreib weiter alleiner vor dich hin, deine Schauspielerkollegen werden dir schon genug Applaus zollen. Das ist ganz groß, Lothar! So in der Art, aber das kennst du ja sicher …

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    3. Wie kommen Sie auf die Idee, dass ich Schauspieler bin? Und bei genauerer Betrachtung haben Sie sich über mich erhoben, indem Sie meine Position (oder das was Sie dafür halten) bewertet haben, oder?

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