Das Kalenderblatt des Monats März bringt einen Spruch von Friedrich Nietzsche, eingebunden in die kalligrafische Kunst von Hans Neidhardt.

Was ist das Siegel der erreichbaren FReiheit?
Sich nicht mehr vor sich selber schämen müssen.

Die Freiheit sei das höchste Gut, so wird Friedrich Schiller zitiert. Ein wichtiger Satz in Zeiten, in denen uns allenthalben die Gesundheit als das höchste Gut verkauft wird. Schiller hatte ausreichend Erfahrung mit einer chronisch übergriffigen Staatsmacht. Entsprechend läßt er in seinem „Don Carlos“ den Marquis Posa zu König Philipp sagen „Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire“. Was Schiller wohl zur aktuellen Cancel Culture des regierungsmedialen Komplexes gesagt hätte? Oder zur systematischen Diffamierung von Kritikern der Coronamaßnahmen? Wer sich mit Schiller vertraut macht, kann es sich denken.

Mit Nietzsche erfährt der Freiheitsbegriff eine Wende. War die Freiheit im Verständnis Schillers etwas Äußeres, so macht uns der psychologische Philosoph Nietzsche mit einem ganz anderen Terrain vertraut, auf dem es die Freiheit zu erringen gilt – unsere eigene Seele.

Das ist kein Zufall. Der Zeitgeist geht hin zur Kundigkeit der Seele. Zu Freud. Zu Jung. Zu Herrmann Hesse. Die Philosophen der Zeit beschäftigen sich mit östlicher Philosophie, mit den spirituellen Entwicklungwegen, deren Duft aus Indien, Japan und China zu uns herüberweht. Wie anders, wie freiheitsahnungsvoll mutet das an im Vergleich zu den kirchlichen Dogmen, welche die Seelen in enge Korsette zwängen wollen?

Die Beschäftigung Nietzsches mir der Seele und ihrer Befreiung ist seiner Biografie geschuldet. Früh wird dem kleinen Friedrich der Herr Jesus als Mahner beigebracht, er, der ein Wildfang gewesen sein soll, wird damit zur Räson gebracht. Der züchtigende Pfarrervater verschmilzt in seinem Talar mit dem strafenden Gott. Der Umzug der Familie vom Dorf in die Stadt, in der schon der kleine Friedrich vereinsamt, tut sein Übriges. Der Philosoph Nietzsche hat die klassischen Konflikte auszutrage, welche Freud als die verheerende Spannungsdynamik zwischen einem übermächtigen Überich (Vater) und den organismischen Bedürfnissen des Es beschrieben hat.

Kein Wunder also, dass der Philosoph sich immer wieder kritisch und ausführlich mit dem Christentum (eigentlich mit der Kirche und nicht mit dem Christentum) auseinandersetzt und einen idealen Menschentypus entwirft, der all diese Fesseln und den inneren Kerker überwindet und in die Eigengesetzlichkeit geht.

In Menschliches, Allzumenschliches (Kap. 134) findet er einen Begriff, der den Ausweg weist. Die Selbstbegnadigung. Die Quelle der Gnade kommt nun nicht mehr von außen (Gott, Jesus, letztlich vom Vater), sondern von innen. Auch dies ist kein Wunder. Denn wer den strafenden Gott, der einem ein schlechtes Gewissen macht, in seine Seele installiert bekommen hat wie der Knabe Friedrich, dessen größte Sehnsucht muss die nach Autonomie und Souveränität sein. Ich bin mein eigener Herr, so lautet der unausgesprochene Lösungssatz des Friedrich Nietzsche.

Dieser Weg war für Friedrich Nietzsche, das wissen wir aus seiner tragischen Biografie, kein leichter. Er war ein steter Kampf. Aber er hat einen Weg gewiesen und ihn in Sprache gefasst, der uns Orientierung geben kann auf unserem eigenen Weg zur inneren Freiheit.

Das Zitat des Kalenderblattes stammt aus der Fröhlichen Wissenschaft. Es lautet, wie Hans Neidhardt anmerkt, im Original „Was ist das Siegel der erreichbaren Freiheit? Sich nicht mehr vor sich selber schämen müssen.“ Im Original steht da also „Siegel“ und nicht „Maß“. Ein Siegel möchten wir öffnen. Wenn wir es gebrochen haben, erschließt sich uns ein Raum dahinter. Ein Buch, neue Erfahrung, die Freiheit eröffnet sich uns. Das ist ein besseres Wort als das „Maß“. Das Maß ist ein gesetzter Punkt. Ein Siegel zu öffnen ist ein Entwicklungsprozess.

Scham ist mit eins der schwierigsten Gefühle, das wir kennen. Beschämt zu werden ist schrecklich. Das bestrafte Kind schämt sich. Es erfährt Wertlosigkeit. Es strengt sich an, um wieder in die Erfahrung des eigenen Wertes zu kommen. Das ist die Gnade. Die überstrenge Erziehung macht uns zu Beschämten vor uns selbst. Wir tadeln uns, strengen uns an, um wieder in den Gnadenbereich der Wertigkeit zu gelangen und fallen wieder heraus, weil wir unperfekte Menschen sind. So mag es Friedrich Nietzsche gegangen sein. Und ganz richtig hat er herausgefunden, dass es gilt, dieses Siegel zu brechen. Das Siegel der Selbstverurteilung und Selbstablehnung. Und in den Bereich der Gnade, der Selbstliebe zu gelangen. Dann sind wir frei. Nicht nur von der Scham.

Worte: Lothar Eder
Beitragsbild/Kalligrafie: Hans Neidhardt

2 Gedanken zu “Das Kalenderblatt März 2021 – von der Selbstbegnadigung

  1. Lieber Lothar,
    Nietzsche, der psychologische Philosoph und Autodidakt weiß viel um die inneren Ketten und um die, die uns von Kirche angelegt werden. Zugleich weiß Zarathustra, dass so mancher, der seine Ketten über Bord warf, später merkte, dass es sein Wertvollstes war. Echte Freiheit setzt viel viel Reifung voraus und wo sie gelingt, ist ein wichtiger Aspekt von Ostern verwirklicht. In diesem Sinne wünsche ich dir frohe Ostern mit herzlichen Grüßen von karl-eugen

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    1. Lieber Karl-Eugen,
      herzlichen Dank für Deinen sinnigen Kommentar.
      Eine authentische Sehnsucht nach „Ketten“ kann ich mir nicht vorstellen. Eine nach Bindung sehr wohl. Ist es nicht ein großer Unterschied, ob man angekettet oder gebunden ist?
      Frohe Ostern und herzliche Grüße von Lothar

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