Es gibt Orte auf der Welt, die sich einem einprägen und einer davon ist für mich die playa nueva auf La Palma, auch los guirres genannt. Los Guirres ist kein Sandstrand, dort liegen große, von der Brandung rundgeschliffene Kiesel. Sie klacken tausendfach in der Brandung, wenn das Meer auf den Strand spült und sich wieder zurückzieht. Ein Chor von tausend Steinen, unvergesslich.

In den steten, sanft tosenden Rhythmus des Meeres weben sich die Schreie der Geierkolonie ein, verschwinden fast darin, und alles zusammen bildet im Widerhall der Felswand eine Klangkulisse, die alle menschlichen Äußerungen übertönt. Die all unser Tönen und Fühlen einhüllt in einen größeren Klang, eine größere Weite als die der Menschenwelt.

Der Weg dorthin führt durch ein Labyrinth von Sträßchen entlang von Bananenplantagen. Am Ende folgt ein Parkplatz, und dann geht es wie durch eine Pforte in einen sich öffnenden Raum hinein. Dort ist Weite, laute Brandung und zur Brutzeit die Rufe der Schmutzgeier, die in den Höhlungen und Spalten der hoch aufschießenden Felswand wohnen, und die auf Spanisch guirre heißen.

Ein kiosko ist dort, ein Strandrestaurant, das wunderbare Speisen bereithält. Eindrücklich war es, dort zu sitzen, nach Einbruch der Dunkelheit und das Brechen der Wellen nur einige Meter entfernt zu hören. Voll, gar überfüllt, war es nie in Los Guirres. Die Natur nahm allen Raum ein. Gleißende Sonne, das Meer nach Westen hin unendlich weit, das Tosen der Brandung, die anthrazite Weite von Strand und Fels. Denn die Strände La Palmas sind, aus Lava gemacht, schwarz.

Los Guirres, das war ein Ort, an dem alles sein durfte wie es war. Alle Stimmungen hat dieser Ort entgegengenommen und seinen Widerhall dazu gegeben. Aufgehoben war man dort, sei es mit seiner Freude, dem Glück oder einer Trübnis der Seele. Komm her, sagte Los Guirres, hier darf alles sein, ich nehme es auf und schleife es rund wie die unendlich vielen Kiesel. Stets war das Herz, von Los Guirres kommend, klarer.

Letztes Jahr, im März 2020 war ich das letzte Mal da. Es war Lockdown auf La Palma, die Strände gesperrt. Ich wagte den Schritt über das Absperrband und fand den Ort gespenstisch leer. Nur eine einsame Schwester im Geiste lief in einiger Entfernung herum. Die Warnhinweise, alle auf Spanisch, waren papiernes, vergängliches Menschenwerk angesichts der ewigen Brandung. Ich wußte nicht, dass es das letzte Mal sein würde.

Los Guirres gibt es nicht mehr. Ein weiterer Lavastrom des neuen Vulkans auf der Cumbre vieja, ein wenig weiter südlich als der erste, hat Strand und Kiosko unter sich begraben. Trauer rührt mein Herz. Ebendort höre ich das Tosen des Meeres, das Klacken der Kiesel in der Brandung, höre ich die Schreie der Geier und spüre ich die Weite, die so unendlich wohltuend und heilsam ist.

Der Besitzer des Strandrestaurants, Carlos Deniz, kommentiert und betrauert die Zerstörung des Strandes und des Kiosko

Und dann blättert meine Erinnerung zurück. Viele Jahre zurück. Da war der Strand von Los Guirres übersät von kleinen Hütten, casitas, in denen die Freien lebten, die Hippies, die extranjeros. Es waren die ersten Fremden auf La Palma, Aussteiger aus Deutschland, England, der Schweiz, Österreich. Sie siedelten im Nordwesten in den burracas Höhlen, und sie bauten an den Stränden ihre Unterkünfte. Vor über 20 Jahren war ich selbst dort in Los Guirres. Meine Erinnerung zeigt mir einen Besuch dort in gedrückter Stimmung. Ich saß in einer überdachten Hippiestrandbar, schaute aufs Meer. Es war heiß, die Brandung laut und ich fand nicht recht zu mir, in mich hinein. Es war mir zu voll, ich wollte die Einsamkeit und keine Menschen um mich herum. Aber der Ort in mir blieb. Ich entdecke die überdachte Terrasse in einem kleinen Film auf youtube. Das Filmchen handelt von der Kolonie in Los Guirres, vom Leben und der Fröhlichkeit dort. Und vom ersten Tod von Los Guirres vor 15 Jahren. Die Häuser wurden auf Befehl der Inselregierung abgerissen und die Menschen durften nicht mehr dort siedeln.

Aussteiger besiedelten Los Guirres seit den 1960er Jahren bis 2007

So ist die Lavamasse, die alles unter sich begrub, der zweite Tod von Los Guirres. Der erste menschengemacht, der zweite von der Natur. Gibt es einen Zusammenhang? Rächt die Natur die damalige Vertreibung und löscht nun den Ort ganz aus?

Es bleibt (in mir): die Stille der Sterne am Himmel über mir in Los Guirres. Diese unendlich stille Stille. Adiós Los Guirres. Y muchas gracias por todo.

Worte: Lothar Eder
Fotografien: Manuela Wirschke

Ein Gedanke zu “Mein (un)poetischer Alltag – vom Verschwinden der Orte (Adiós Los Guirres)

  1. Ich hab immer an dich denken müssen, wenn ich im Fernsehen die Bilder aus La Palma sah.

    Und ich fühle mit.

    Viele herzliche Grüße

    Hans

    Dipl.-Psych. Hans Neidhardt

    Gartenstr. 8 | D-69493 Hirschberg

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