Es ist Krieg

Seit zwei Jahren haben wir Krieg. Vor zwei Jahren, im März 2020, begann der „Krieg gegen das Virus“. Seither befinde ich mich in einer Dauerangstschleife, die zumindest um mich herum geschieht.

Die Schlagworte – Worte, die fortwährend auf mich einschlagen – lauten Gefahr, tödlich, du mußt dich schützen, das Virus muss besiegt werden, pass auf, jede(r) ist eine jederzeitige Gefahr, auch wenn er nicht so aussieht, die Gefahr ist unsichtbar und überall, auch du bist potentiell gefährlich, du bist in Gefahr und eine ständige potentielle Gefahr für andere. Undsoweiter. Eine Dauersendung. Unterbrochen von zwischenzeitlichen Lockerungen. Dabei wird eines vergessen: Angst schädigt das Immunsystem. Angst macht krank. Wenn wir dauernd Angst haben, werden wir krank. Tief innen.

Das Ende des Viruskrieges kam in Sicht und schon kommt ein neuer. Ukraine. Putin greift die Ukraine an. Völkerrechtswidrig. Aber gibt es überhaupt Kriege, die dem Völkerrecht entsprechen? Ist es nicht das grundlegende Völkerrecht, dass alle unbehelligt bleiben dürfen?

Ich gebe zu: vor 10 Tagen hätte ich auf einer Landkarte nicht sagen können, wo genau die Ukraine liegt. Mittlerweile kann ich es. Mittlerweile weiß ich auch, wo der Donbass liegt. Und ich weiß mittlerweile, dass der Krieg in der Ukraine seit 2014 geht und der sogenannte „Westen“ seit den 1990er Jahren in der Ukraine Einfluss nimmt. Die Ukraine ist ein wertvolles Land. Es gibt dort die legendäre und überaus fruchtbare Schwarzerde. Und da die Menschheit sich von der „glücklichen Genügsamkeit“ (Pierre Rabhi) immer mehr verabschiedet und in Kontrolle, Macht und Einflusssphären denkt, ist das ein Thema. Zumal es in der Ukraine große Rohstoffvorkommen gibt. Die dürften nicht nur Putin interessieren, sondern auch den militärisch-industriellen Komplex des Westens.

Und ich gebe zu: sowohl das Virus, als auch die Ukraine sind zu groß für mich. So wie das Klima zu groß für mich ist. Ich bin nicht gemacht für große, weltumspannende Angelegenheiten. Sie passen nicht in meinen Kopf und in mein Herz hinein. Ich kann das Klima nicht retten, aber ich kann in meinem Garten die Vielfalt des Lebens einladen (Permakultur). Ich kann den Humusaufbau unterstützen und den Tieren und Mikroorganismen eine Heimat geben. Die Natur braucht nur meinen Anstoß, den Rest kann ich ihrer Weisheit überlassen.

Ich kann für meine Gesundheit sorgen, was ich seit einem Vierteljahrhundert tue und wofür sich bislang zu keinem Zeitpunkt eine Regierung interessiert hat. Und ich kann mich kümmern um die Gesundheit meiner Nächsten. Weiter reicht mein Arm nicht.
Mein Arm reicht auch nicht in die Ukraine. Und das ist gut so. Ob ich nicht für „Maßnahmen“ bin? Ohja, ich bin für Maßnahmen. Und zwar bei mir. Und bei dir. Und auch bei dir und bei dir und bei dir. Meine Friedensarbeit fängt bei mir an. In meinen Gedanken, in meinem Herz. Ein indischer Guru fragte einmal einen Schüler: „wo ist Hitler“? Der Schüler erschrak heftig. Er erschrak noch mehr, als der Lehrer auf die Mitte seiner Brust deutete und sagte: „da wohnt Hitler“. Was soll uns das sagen? Wir verorten das Böse immer außerhalb. Und dass Kriege böse sind, darüber dürfte weitgehend Einigkeit herrschen. Aber werden wir je Frieden bekommen, wenn wir den Garten unserer Seele nicht pflegen? Wenn wir die Bereitschaft zum Zuschlagen, Vernichten, Ausmerzen, Rachenehmen in unserem Herzen nicht aufspüren und wandeln?

Zu den Waffen!

Diesen Ruf höre ich nun täglich. Es sind physische Waffen, deutsche Waffen, die nun in die Ukraine geliefert werden sollen. Und es sind die Waffen des Wirtschaftskrieges.
Vor ziemlich genau 80 Jahren war mein Vater, Otto Eder, mit einer deutschen Waffe in Russland unterwegs. Er hatte keine Wahl. Sein Vater war im 1. WK in Frankreich. Durch einen Gasangriff war seine Gesundheit schwer geschädigt. Ich habe meinen Großvater, Josef Eder, nie kennengelernt. Er starb, als mein Vater 4 Jahre alt war. Er erinnerte sich nur fern an einen Mann, an dessen Hand er über die Felder gegangen ist. Und ich selbst kenne ihn nur von einem alten Foto. Er ist 31 Jahre vor meiner Geburt gestorben. An einem Krieg, den er nicht wollte.

Mein Vater hat überlebt. Er hatte Glück. Er war als Gefangener einige Tage in den berüchtigten amerikanischen Todeslagern entlang des Rheins, den sogenannten Rheinwiesenlagern. Die Amerikaner ließen keine Versorgung zu . Das Internationale Rote Kreuz erhielt keinen Zutritt. Die Todesrate lag bei 90%. Nach ein paar Tagen ist mein Vater zu den Franzosen überstellt worden. Denen ist er ausgebüchst und das freut mich heute noch.

Während die Amerikaner in Nürnberg Gericht gehalten haben über die nationalsozialistischen Verbrecher, haben sie sich die Foltermethoden aus dem KZ Dachau genau beschreiben lassen, dokumentiert und zu einem Folterhandbuch verarbeitet, das vielfach in der Welt angewandt wurde, u. a. in Chile und in Abu Ghraib.

Ich selbst habe vor etwa 40 Jahren den Kriegsdienst verweigert. Vieles in meinen Einstellungen hat sich seither verändert. Das nicht. Dieses „Zu den Waffen“-Gebrüll um mich herum macht mir Angst. Es führt zu nichts Gutem, das weiß ich gewiss.

Ich traue der Gut-Böse-Propaganda nicht. Ein neuer Teufel ist gefunden. Er heißt Putin. Und alle schreien nun „schlagt ihn tot, vernichtet ihn, zerschlagt das russische System“. Ihr seid mir unheimlich, die ihr das schreit. Oder mit schmalen Lippen und kaltem Zorn sprecht, wie Ursula von der Leyen. Mir graut vor Eurer Bereitschaft, zuzuschlagen.

Mein Vater war vor 80 Jahren mit einer deutschen Waffe in Russland unterwegs. Ich werde nicht gegen Russland ins Feld ziehen. Auch nicht mit Drohgebärden und Aufrufen zur Rache. Ich werde nicht gegen Russland ins Feld ziehen, ich werde keine Waffe in die Hand nehmen. Ich werde kein Gewehr und keinen Willen zur Vernichtung gegen einen Russen richten.

Krieg und Frieden – wo wohnt das Böse? Wo wohnt der Frieden?

Beide wohnen in uns, da bin ich mir sicher. Besser wäre es zu sagen, dass wir beide Möglichkeiten in uns tragen. Was aber bedeutet „friedlich“ zu sein? Es beginnt mit dem Mitgefühl mit uns selbst. Das allein ist manchmal schon keine leichte Übung. Verstehe ich mich, verstehe ich, warum ich gerade so fühle wie ich fühle? Verstehe ich meine Wut (gegen Putin, Karl Lauterbach, die „Maskenverweigerer“ etc.)? Verstehe ich, welches Bedürfnis an der Stelle in mir berührt oder in Gefahr ist? Was läßt mich gerade so in Rage geraten?

An diesem Punkt braucht es einen inneren Abstand, um Freiraum zu haben und nicht auf das Gefühl hinaufzuspringen wie auf ein wildes Pferd, das vorüberreitet. Manche dieser Ritte sind vielleicht ganz spannend, aber sich ständig von seinen – v.a. alten und ungelösten – Gefühlen reiten zu lassen, ist bestimmt auf die Dauer nicht befriedigend. In diesem Zusammenhang fällt mir eine Belehrung des Karmapa Urgyen Trinley ein, bei der ich anwesend sein durfte. Er sagte, dass Mitgefühl nicht bedeute, mit meinem Feind einverstanden zu sein. Vielmehr beginne Mitgefühl an eben der Stelle, an der ich mir ins Gedächtnis rufe, dass der andere ein Wesen ist wie ich selbst. Buddhistisch gesagt, ist der andere wie ich ein Wesen, das grundsätzlich Glück erlangen und Leid vermeiden möchte. Diese beiden Pole bestimmen all unser Handeln, Fühlen und Denken.

Wer dies im Geist hat und hält, läßt die Waffe sinken.

Mein Vater war vor 80 Jahren mit einer deutschen Waffe in Russland unterwegs, als Teil einer Gebirgsjäger- und Funkereinheit. Ich werde keine Waffe in die Hand nehmen, auch keine wirtschaftliche.
Ich möchte in meinen Garten gehen. Dort gibt es kein Corona und keinen Ukrainekrieg. Falls Herr Lauterbach zufällig vorbeikommt, der nach eigener Auskunft gerne „Spinat mit Lachsfisch“ isst, bekommt er von mir eine Handvoll jungen Spinat direkt aus dem Winterbeet.

Wenn ich mich auf den Garten einlasse, dann spricht er zu mir vom Leben, vom Wachstum und von der Koexistenz aller Wesen. Und er spricht vom ewigen Kreislauf.
Dem will ich lauschen.

© Lothar Eder 2022







2 Gedanken zu “Krieg und Frieden – ein paar (un)poetische Gedanken

  1. vielen lieben dank für deinen wunderbaren text. ich schreibe wunderbar, weil er so … umsichtig ist, so weit schaut, vor, ins jetzt und zurück und ruhe bewahrt. ich danke dir sehr. und ich wünsche dir ruhe und frieden im innern und eine schöne auszeit in deinem garten. alles liebe, m.

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  2. Was für ein schöner, ehrlicher Blog. Ich danke Ihnen dafür, Lothar. Es ist wichtig, dass jeder Mensch sich selbst so gut kennt, dass er weiß, was er verkraften kann, und dass er entsprechend lebt und von anderen respektiert und geschätzt wird.

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