In seinem Lied Deja vu aus dem Jahr 1970 nimmt David Crosby ein Thema auf, das sich in der östlichen, aber auch in der frühchristlichen und der alteuropäischen Spritualität findet: das Rad der Wiederkehr.

Waren wir alle schon einmal hier und ist das der Grund, warum uns manche Dinge so vertraut vorkommen, obwohl es ausgeschlossen ist, dass wir ihnen in diesem Leben schon einmal begegnet sind? Fragst du dich nicht auch, fragt Crosby – und richtet sich an den Zuhörer – was vor sich geht, unterhalb des Bodens, auf dem du vermeintlich sicher stehst?

Das Lied ist 56 Jahre alt und es fasziniert mich heute noch ebenso wie damals, als ich es als gerade in die Pubertät Gekommener das erste Mal gehört habe. Damals reagierte ich stärker auf die wunderbar verspielte und ineinander verschachtelte rhythmische und harmonische Struktur des Liedes als auf die Aussage des Textes, dessen Tiefgründigkeit bei aller Knappheit ich allenfalls erahnte. Anlässlich des Todes von David Crosby 2023 habe ich schon einmal über das Stück geschrieben, zu finden hier: https://radikale-poesie.com/2023/01/26/if-i-could-only-remember-my-name-zum-tod-von-david-crosby-1941-2023/#more-4384

Und wenn ich ehrlich bin, ist es immer noch vornehmlich die Musik des Liedes, die mich in ihren Bann schlägt. Das Motiv des sich drehenden Rades am Beginn des Stücks, das sich weiterdreht und dreht und mich fortträgt hinaus in stille Weiten, die mich erahnen lassen, welch wunderbare seelische Zustände möglich sind, wenn wir uns ihnen hingeben.

David Crosby berichtete, dass das Stück bei seiner ersten Segeltour entstanden ist. Obwohl er noch nie gesegelt ist, kam ihm alles, erschien ihm jeder Handgriff wie selbstverständlich und lange vertraut. Ich bin kein Segler, aber ich liebe es am Meer zu sein und die eben beschriebenen stillen Weiten erinnern mich an die Weite des Meeres, die einen einnimmt und trägt, wenn man sich ihr überlässt.

Gestern stieß ich „zufällig“ auf eine Version des Liedes, die mich einfach umgehauen hat. Sie hat eine Poesie, welche die Crosby, Stills, Nash und Young Version fast in den Schatten stellt. Zusammen mit seinem Sohn James Raymond am Flügel und dem Gitarristen Jeff Pevar – unterstützt von einem Bassisten und einem Schlagzeuger – hören wir eine reife, lyrische und im Mittelteil fließend-jazzige Variante des Stückes.

Das Rad hat sich weitergedreht und bringt etwas hervor, das bekannt und doch neu ist.


Text und Foto: Lothar Eder
Video: youtube

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