Zitat zum Tag

„Deswegen ist Kunst, jene wahre, von der Seele geschaffene, so wichtig in unserem Leben. Kunst tröstet uns, erhebt uns, gibt uns Orientierung. Kunst heilt uns. Wir sind nicht nur das, was wir essen, und die Luft, die wir atmen. Wir sind auch die Geschichten, die wir gehört haben, die Märchen, über die wir als kleine Kinder eingeschlafen sind, die Bücher, die wir gelesen, die Musik, die wir gehört. und die Gefühle, die ein Gemälde, eine Statue, ein Gedicht in uns geweckt haben.“

Tiziano Terzani, Noch eine Runde auf dem Karussell (Vom Leben und Sterben), S. 176 der TB-Ausgabe

Notiz zum Tag

Die Abflughalle ist spärlich besetzt, es ist sehr früh am Morgen. Draußen, hinter der großen Glasscheibe, ein regentrübes Dämmern.
Der Sicherheitsmann hatte mich gebeten, meinen Rucksack zu öffnen. Ich warnte ihn vor. Das darin befindliche Käsebrot entwickele gewisse Geruchseindrücke. Er lächelte. Ob das ein besonderer Käse sei. Nein, antwortete ich, ein ganz normaler Camembert aus der Normandie, von Edeka.
Auch die angedockten Flugzeuge auf dem Rollfeld vor mir wirken schlaftrunken. Der Himmel in abgestuften Grautönen, gelegentlich durchzogen von einem in der Ferne startenden Jet.
Ich werde auch gleich dabei sein, auf dem Weg in westlichere Gefilde.

Zitate zum Tag

„Ein Fluß, sagte ich, ein Fluß wäre gut.
Bitte?
Eine Stadt an einem Fluß, daran wäre mir gelegen, sagte ich“
Günther Heim, Glückskind mit Vater, S. 433

 

„The ultimate condition of everything is river
Iain Sinclair, Ghost Milk

 

„Wenige Jahre später lungerte ich halbe Schultage allein am Fluß. Ich fuhr mit dem Fahrrad am Ufer auf und ab, saß stundenlang auf der mit teerverklebten großen schwarzen Steinbrocken befestigten Uferböschung und suchte nach diesen Schriften: Schiffsnamen, Stromkilometer, die Zulassungsnummern der Kähne. Mich interessierte nur noch, was flußabwärts ging, auf diese lichtere Weite zu, in der man irgendwann ans Meer stoßen würde. Eine Zeitlang führte ich ein kleines Heft, in das ich alles eintrug, was ich an den flußabwärts fahrenden Kähnen entziffern konnte, als ließe sich dahin mit der Zeit etwas ablesen. Im Gedächtnis blieben mir Zeichenkolonnen, in wochenweisen Blöcken, die auf dem karierten Papier standen wie Strophen eines Gedichts, Chiffren der Bewegung, des Andernorts.“
Esther Kinski, Am Fluß, S. 38-39

Gegenentwurf

Der Bundesgerichtshof hat am 24. Januar 2013 verkündet, daß der Anschluß an das Internet zur Lebensgrundlage gehöre und eine Art Grundrecht darstelle.

„Radikale Poesie“ sieht sich mit reichlich Verspätung zu einem Gegenentwurf veranlaßt und träumt von folgender fiktiver Meldung:

„Immer weniger Deutsche finden Anschluß an sich selbst und die Vorgänge in der Natur. Im letzten Jahr waren es nur noch 0,8 Prozent der Bevölkerung und die Tendenz geht stark nach unten. Eine neue Initiative, gefördert von der Europäischen Union, will nun die Bürger dazu bringen, wieder mehr in den Himmel zu schauen. Durch dieses nichtzweckgebundene Schauen, so Experten, könne Streß abgebaut werden. Das Bundesgesundheitsministerium zitiert eine Studie, wonach Langzeitindenhimmelschauer, Vogelgezwitscherlauscher und Stundenlangaufdenhorizontgucker im Schnitt deutlich weniger Arztbesuche aufweisen. Sie leiden weniger an Herz- und Kreiskauferkrankungen und streßbedingten Organschädigungen.“

Liedtext zum Tag

„Wie es kommt und auf welche Weise
Weiß man nicht
Doch auf jeden Fall leise

Verzweiflung weint nicht, Freude lacht nicht
Der Rest ist unsichtbar
Es gibt ’n stillen Schuß, der kracht nicht
Wie letzte Nacht, nicht wahr?

Wie es kommt und auf welche Weise
Weiß man nicht
Doch auf jeden Fall leise“

Stefan Stoppok, Leise

Zitat zum Tag

„Bücher beschützen. Dem Leben, das nachfühlbar erzählt wird, kann für kurze Zeit das Diffuse und Bedrohliche genommen werden. Nicht zuletzt rührt die Geborgenheit im Buch auch daher, daß gebannt ist, was den Lesenden ängstigt oder beruhigt; gefesselt in der Formulierung, hat es keine Macht mehr über ihn, jedenfalls für die Dauer der Lektüre. Nur das Glück fühlt sich nicht wohl im Text, das Glück muß fliehen. Ein Reh ohne Scheu, das riecht immer gleich nach Disneyland.“
Ralf Rothmann, Feuer brennt nicht, S. 80 der TB-Ausgabe.

Zitate zum Tag

„Das Denken macht die Dinge lächerlich, Ed. Alles wird zur Anekdote. Ins Innere der Poesie kommen wir nie. Auch die Surrealisten sind lächerlich, weil sie das Problem technisch zu umgehen versuchen, von den Dadaisten ganz zu schweigen, die alles zerschlagen und dann darauf lauern, daß irgendjemand kommt und behauptet, das Ganze hätte einen Sinn. Was wir aber brauchen, ist unsere Stimme, sie ist die Musik, sie lauscht den Worten die Welt ab. Was wir brauchen, ist unsere Stimme und einen Raum voller Abwesenheit – ein Ort zur Gewinnung von Zeit.“

Lutz Seiler, Kruso, S. 217

 

„Die Schwierigkeit ist heute nicht mehr, daß wir unsere Meinung nicht frei äußern können, sondern Freiräume der Einsamkeit und des Schweigens zu schaffen, in denen wir etwas zu sagen finden. Repressive Kräfte hindern uns nicht mehr an der Meinungsäußerung. Im Gegenteil, sie zwingen uns sogar dazu. Welche Befreiung ist es, einmal nichts sagen zu müssen und schweigen zu können, denn nur dann haben wir die Möglichkeit, etwas zunehmend Seltenes zu schaffen: Etwas, das es tatsächlich wert ist, gesagt zu werden.“

Gilles Deleuze, Mediators, in: Byung-Chul Han, Neoliberalismus und die neuen Machttechniken, S. 76