Die Wand Buchfront

Marlen Haushofer gehört nicht eben zu den bekannten Namen der deutschsprachigen Literatur der Gegenwart. Zu Unrecht. Ihr Roman „Die Wand“, erschienen 1963, darf als ihr Meisterwerk gelten. Bekannt wurde er durch die Verfilmung durch Julian Pölsler (2012) mit Martina Gedeck in der Hauptrolle. Lange hatte der Roman als unverfilmbar gegolten. Pölsler hat sich nach den vorliegenden Informationen 7 Jahre Zeit genommen für die Entwicklung von Konzeption und Drehbuch. Dieser gewissermaßen gedehnte Blick hat sich wirklich gelohnt. Denn der Film gibt mit seinen Mitteln die Stimmung und die Tiefe des Buches authentisch wieder. Lange Einstellungen, gut komponierte Bilder, dazu die sanft-eindrückliche Stimme von Martina Gedeck, die den inneren Monolog der namenlosen Protagonistin spricht.
Man muss sagen, dass sowohl Film als auch Buch eigentlich zwei Protagonisten haben: neben der namenlosen Frau ist es Luchs, der Hund. Er gehört Hugo. Dieser ist der Mann von Luise, der Kusine der Romanheldin. Zu dritt waren sie zu einem Wochenende in Hugos Jagdhaus aufgebrochen. Abends geht das Paar ins Dorf, um etwas zu essen, und die Icherzählerin bleibt zurück. Hugo und Luise kommen nicht wieder. Zurück bleibt der Hund und er wird zum zentralen Gegenüber der Frau. Sie stellt nämlich fest, dass sie hinter einer unsichtbaren Wand lebt, welche weiträumig das Areal des Jagdhauses umgibt. Dahinter ist Natur, aber das menschliche Leben scheint getilgt: weit in der Ferne sind Menschen zu erkennen, aber sie sind und bleiben regungslos, wie aus Stein.
Nun muss die Frau ihr Leben organisieren, um nicht zu sterben. Sie tut dies tapfer und ausdauernd. Das Jagdhaus verfügt über grundlegende Gegenstände, u.a. Zündhölzer und ein Gewehr, mit dem sie auf die Jagd geht. Zudem gibt es eine Kuh, die sich zu ihr gesellt und für Milch sorgt. Und eine Katze. Die Frau schneidet Holz, macht Heu, baut Kartoffel an. Und sie hat Angst. Und um der Angst zu entgehen, fängt sie an zu schreiben. Und dieses Schreiben ist der Roman.
Ich will den Roman an dieser Stelle nicht deuten und ihn in Verbindung mit der Lebensgeschichte der Autorin bringen. Dies ist vielfach und z.T. fundiert geschehen, z.B. hier: https://atalantes.de/2012/11/die-wand-innere-emigration-oder-radikale-selbstbestimmung/

Marlen Haushofer war wohl eine unglückliche Frau. Sie war Jahrgang 1920. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es diese damaligen Jahrgänge hatten, denn meine Eltern entstammten derselben Generation. Sie hat ihr Unglück im Schreiben transformiert. Vielleicht kann man gar sagen, dass gerade die Kompensation des Leidens durch den künstlerischen Ausdruck diesem eine besondere Schönheit und Tiefe verleiht.
Tiefe scheint mir das passendste Wort für diesen Text. Er lotet das Menschliche aus bis in die tiefsten Gefilde, ohne je pathetisch oder gefühlig zu werden. Die Sprache bleibt klar auch in der Schilderung von Verwirrung und Verzweiflung.
Nach mehr als dreihundert Seiten verrät die Autorin ihren philosophischen Bezugspunkt, indem sie von Tieren und Menschen spricht, die „ungefragt ins Leben geworfen werden“. Dieser kleine Nebensatz hat eine existentialphilosphische Wurzel. Marlen Haushofer mag Camus oder Sartre dem Namen nach gekannt oder gar das eine oder andere gelesen haben. Existentialismus war in den fünfziger und sechziger Jahren en vogue und hielt wohl auch in österreichischen Gebirgstälern Einzug, wenn man Augen und Ohren offenhielt.
Es gibt Sätze in diesem Buch, die so schlicht, schön und wahr sind, dass ich sie mir herausgeschrieben habe. Z.B. diesen: „Einer der rennt, kann nicht schauen“. Oder diesen: „Erst wenn das Wissen um eine Sache sich im ganzen Körper ausbreitet, weiß man wirklich.“ Das stimmt. Und es spricht nicht nur den Menschen, sondern auch den sich mit Körpertherapie beschäftigenden Therapeuten in mir an.

Manchmal ist das Leben einfach stimmig. Ich habe vor vielen Wochen angefangen, das Buch zu lesen. Aber in Arbeitszeiten schaffe ich immer nur ein paar Seiten abends vor dem Einschlafen. Vor ein paar Tagen bin ich in ein Häuschen im Oberallgäu gefahren, um mich ein wenig vor der Welt zurückzuziehen und zur Ruhe zu kommen. Hier nun habe ich das Buch zu Ende gelesen, in einem alten Häuschen in den Vorbergen der Alpen. Ich bin hier keiner existentiell bedrohlichen Situation ausgesetzt. Es ist genügend Holz da, der Kühlschrank gibt noch einiges her, ich werde nicht auf die Jagd gehen müssen. Aber seit heute bin ich annähernd eingeschneit, sodaß ich den Einkauf mit dem Auto auf morgen verschieben muß. Jetzt ist es Nacht und es schneit seit Stunden. Hierzu paßt ein Satz aus dem Roman von Marlen Haushofer: „Nichts stimmt mich friedlicher als das lautlose Niedersinken der Flocken“.

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