Dem französischen Philosophen Paul Virilio und seinem Untersuchungsschwerpunkt, der Dromologie, folgend, könnte man unser Zeitalter als ein dromokratisches bezeichnen. Dromologie ist die Disziplin, die sich mit dem Verhältnis einer Gesellschaft zur Geschwindigkeit beschäftigt. Bei uns muß alles immer schneller gehen – Jacques Tati hat dies mit seinem Postboten Francois und seinem Wahlspruch „Rapidité“ (s. Beitrag vom 12. September 2018, Beschleunigung und Beziehung: Jacques Tati) eindrücklich-humorig in Szene gesetzt. Der Alltag ist im digitalen Zeitalter noch mehr von zu erledigenden Aufgaben beherrscht, denn die scheinbar so hilfreichen Geräte wollen nicht nur ständig ge-apdejtet werden, sie fordern zudem unsere stete Beachtung. Wenn ich mit dem Hund auf den Neckarwiesen in der Nähe unseres Hauses spazierengehe, sehe ich nicht selten Mütter mit Kinderwägen oder andere Hundebesitzer, die gebannt auf ihr Mobiltelefon schauen statt auf das Lebewesen in ihrer Begleitung. Zudem: alles muß schnell gehen, effektiv sein, schnell erledigt werden. Was in der Arbeitswelt früher drei Menschen geschafft haben, muss heute einer erledigen.

Insofern ist es sicherlich nicht falsch, unsere Epoche als Dromokratie, als Herrschaft der Geschwindigkeit zu bezeichnen. Was tun? Meine Antwort: jenseits der Lösungen, die man für sich ganz persönlich entwickelt – und da gibt es reichlich Spielraum – habe ich keine realistischen parat.

Schon als Kind aber war ich mit der Welt, sprich: meiner eigenen Lebenswelt, nicht immer einverstanden. Und da die Veränderung der Verhältnisse in der Regel nicht in meiner Macht stand, habe ich mir Geschichten ausgedacht, in denen meine Lebenswelt so war, wie ich es mir wünschte. Diese Fähigkeit habe ich in das Erwachsenenalter mit hinüber gerettet – man mag das für unnütze Tagträumerei halten, aber sei’s drum.

Eine Ausdrucksform des Geschwindigkeitswahns ist die Belohnung von Geschwindigkeit im Sport. Wer am schnellsten in einem absolut alltagsuntauglichen Fahrzeug (in einen Formel 1 Ferrari paßt nicht einmal ein Kasten Bier hinein) im Kreis herumdüst, bekommt einen Haufen Geld und soziale Anerkennung. Ebenso verhält es sich mit der Disziplin, möglichst schnell 42 km weit zu laufen oder auf zwei Brettern einen schneebedeckten Berghang herunterzurasen.
Mir leuchtet die menschheitsgeschichtliche Sinnhaftigkeit dieser Sportarten schon ein. Eine Horde, ein Clan Jungsteinzeitmenschen kann nur überleben, wenn sie kräftige Mitglieder hat, die schnell laufen, roden und jagen können. Und wenn der Säbelzahntiger kommt, überlebt derjenige, der schnell auf den Baum klettern kann. Wer unten bleibt und andächtig in die Baumkronen schaut, wird gefressen. Zivilisation aber beginnt für meine Begriffe dann, wenn Kunst, Poesie und Wissenschaft blühen. Und Wissenschaft meint hier nicht den Auswurf von Publikationslisten wie im zeitgenössischen Wissenschaftsbetrieb, sondern die Theoria, die Schau im antiken Sinn. Und Schau braucht Zeit und lange Weile. Die Tätigkeit des Schauens, des Sich-Gedanken-machens und Mitteilens ist offenbar von irgendeinem Wert. Denn ansonsten wären die In-die-Baumkronen-Schauer, die aus ihren Gedanken dazu später Texte weben, vom Säbelzahntiger bereits vor hunderttausenden von Jahren ausgerottet worden. Und es gäbe in unserer Spezies nur schnelle, hastige und tätige Menschen. Es gäbe menschliches Leben nur im Akkusativ („ich mache“), und nicht im Dativ („mir widerfährt“). Es gäbe nur die vita activa und keine vita passiva (Hanna Arendt). Aber unser vegetatives Nervensystem sieht beide Modalitäten vor. Beide brauchen ihren Raum.

Nun wäre einer meiner Behandlungsvorschläge für die Krankheitsbilder Dromose und Dromitis (beides Erscheinungsformen der Eilkrankheit) die Einführung von Langsamkeitswettbewerben. Ich stelle mir vor, dass der Hockenheimring stillgelegt und der Natur zurückgegeben wird. In 20 Jahren werden Sträucher und Bäume durch den Asphalt gebrochen sein. Niemand wird mehr mit schnellen Autos über diese Bahn rasen. Allenfalls wird man mit langsamen Vehikeln Sträucher und Bäume umkurven können. Ich stelle mir einen Wettbewerb vor, den derjenige gewinnt, der am langsamsten durch den Parcours fährt und danach die schönsten Geschichten erzählt. Über die Pflanzen, die Tiere, den Himmel, die Wolken, das Licht auf dem Weg. Über die eigenen inneren Bilder und Gedanken. Die Jury bestünde aus Philosophen, Literaten und solchen Menschen, die der Neuen Theorie angehörigen, der Disziplin der zweckfreien Schau.

Ebenso, so stelle ich mir vor, könnte man es mit den Laufwettbewerben und dem Skifahren halten. Wer am schönsten über die unterschiedlichen Schneearten auf der Abfahrt erzählen kann oder über die Vögel auf dem Weg, hätte gewonnen. Ebenso derjenige, der 42,195 km Strecke langsam abschreitet und dabei die besten Geschichten über die Erlebnisse auf der Strecke erzählen kann, bekommt den ersten Preis.

So wäre das in meiner Welt. You may say, I’m a Dreamer …

Fotografie: DAS GRÜNE LEUCHTEN © Lothar Eder 2010

6 Gedanken zu “Unfrisierte Gedanken zur Behandlung der Eilkrankheit – Das Langsamrennen

  1. Ich habe es ausprobiert. Normalerweise treibe ich mein Pferd beim Schritt immerzu an. Schließlich muss er abspecken und ein flotter Schritt baut Muskeln auf. Aber heute war Sonntag und wunderbarer Sonnenschein. Und wir waren schon eine Weile unterwegs, sodass unser Fitnesspensum eigentlich schon erfüllt war. Da fiel mir dieser Blogbeitrag ein und ich dachte: „Wollen wir doch mal sehen, wie es ist, ohne Eile“. Der Vorteil beim Reiten ist: man kann ungehindert eine ganze Weile in die Luft schauen. Also habe ich in die Luft geguckt und die Baumkronen betrachtet. Ich habe einen Grünspecht und (wahrscheinlich) einen Buntspecht gesehen. Ich habe zwei sich neckende Eichelhäher und ein paar Meisen gesehen und gehört. Ich habe gesehen, wie die heruntergefallenen Kiefernnadeln wie Ohrringe an den anderen Bäumen hingen. Und am Ende war ich wohl etwa eine halbe Stunde länger bei schönstem Sonnenschein draußen in der Natur…

    Gefällt mir

  2. Sehr gut! „Wenn es hektisch wird, mach es langsam!“ passt hier wohl ganz gut.
    Öfter mal einen Gang runterschalten, tief durchatmen und darüber nachdenken, was man warum wirklich will und tut. „Quidquid agis, prudenter agas er respice finden!“
    Und natürlich: Immer mal wieder die Gegenwart bewusst wahrnehmen.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s