Sinn ist nichts über das man stolpert, so wie die Antwort auf ein Rätsel oder der Preis bei einer Schnitzeljagd. Sinn ist etwas, das man selbst im Zentrum seines Lebens aufbaut.

Dies schreibt der amerikanische Schriftsteller John Gardner und gibt uns damit eine Antwort auf die Frage „Was ist der Sinn des Lebens?“. Diese Frage, so alltäglich und üblich sie auch sein mag, ist doch eine sehr merkwürdige Frage. Der Mensch ist das einzige Tier, das überhaupt in der Lage ist, diese Frage zu formulieren. Jeder Stein existiert fraglos in der Welt. Jedes Tier, ob Insekt, Fisch, Elefant oder Hund, lebt sein Leben ohne je nach dem Sinn zu fragen.

Irgendwie also scheinen wir als Menschen aus einer Selbstverständlichkeit herausgefallen zu sein, die für das sonstige Sein dieser Welt unhinterfragt gilt. Der Titel des Albums  Stop Making Sense der Popgruppe Talking Heads aus den 80er Jahren stellt einen zeittypischen Versuch dar, aus dieser Frage auszusteigen. Doch Hedonismus, Fatalismus und Nihilismus sind keine befriedigenden Antworten.

Die jahrtausendealte Frage nach dem Sinn spiegelt sich in den Antworten der alten Weisheitsüberlieferungen wider. Die Antworten sind stets einfach. Und sie verweisen uns stets auf unsere individuelle Selbstverantwortung.

John Gardner schreibt dazu: „Man erbaut es [das Zentrum seines Lebens] aus seiner Vergangenheit, aus seiner Zuneigung und Loyalität, aus den Erfahrungen der Menschheit, die man ererbt hat, aus seinen eigenen Gaben und seinem Verstand, aus den Dingen und Menschen, die man liebt, aus den Werten, für die man etwas aufzugeben bereit ist.“

Alle Zutaten sind vorhanden. Doch du bist der einzige Mensch, der sie zusammenfügen kann zu dem Muster, das dein Leben ist. Trage Sorge, dass es ein Leben ist, das Würde und Sinn für dich hat. Wenn das gelingt, dann fällt der Ausschlag des Pendels nach Erfolg oder Misserfolg kaum mehr ins Gewicht.

Diese Worte erinnern an C.G. Jung und seinen Appell Werde der du bist! Nach Jungs Auffassung wohnt unserem Selbst ein Streben nach Vervollkommnung inne, dem wir folgen sollten, wenn wir seelisch gesunde Wesen sein möchten. Er nennt dies den Prozess der Individuation. Jeder von uns trägt einen Leitstern, eine Art nichtmaterielles Navigationssystem in sich, das uns, wenn wir es für uns erschließen, automatisch unsere Bestimmung finden lässt.

Ein Zeitgenosse Jungs, Abd-Ru-Shin, mit bürgerlichem Namen Oskar Ernst Bernhard, schließt hier nahtlos an. In seinem Werk Im Lichte der Wahrheit, auch Gralsbotschaft genannt, formuliert er den Aufruf zur persönlichen Sinnfindung noch weitaus radikaler.
„Mit allem“, was wir „zu erlernen trachten“, schreibt er, zwängen wir uns in „fremde Formen, die andere erdachten“, schließen wir uns „willig einer fremden Überzeugung an.“

Hier sind wir nicht mehr aufgerufen, Anschluss an eine Tradition oder Konvention zu suchen. Vielmehr ist dies ein Aufruf, der eigenen inneren Stimme, die mit einer höheren Kraft verbunden ist, zu folgen. Abd-ru-shin nennt diese Kraft die „Verbindung mit dem Geist, der alles Lebende durchströmt“.

Diese Radikalität scheint auf den ersten Blick ungemütlicher, weniger kuschelig als die Worte John Gardners. Womöglich aber sind Abd-ru-shins Worte konsequenter, klarer und fordern von uns, so wir uns von ihnen angesprochen fühlen, eine größere Wachheit und Bereitschaft. Uns radikal an unserer inneren Bestimmung zu orientieren erscheint auf den ersten Blick als ein Wagnis. Denn dies bedeutet ja, sich nicht an den von der Gesellschaft vorgegebenen Wegen und dem Urteil der Anderen zu orientieren.
In diesen Worten liegt auch eine Ermutigung. Abd-ru-shin schreibt, dass das Rüstzeug des einzelnen die Fähigkeiten sind, die er in sich trägt – „Nach denen hat er sich zu richten, auf denen aufzubauen! Tut er das nicht, bleibt er ein Fremder in sich selbst, wird immer neben dem Gelernten stehen, das nie in ihm lebendig werden kann.“

Gerade der November und die jetzt folgende Adventszeit – die Zeit der Ankunft des Lichts – laden uns zu mehr Innerlichkeit ein. Eine gute Gelegenheit also, den inneren Leitstern zu entdecken und ihn uns als Orientierung zu wählen.

Kalligrafie: hans neidhardt
Worte: Lothar Eder

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