In früheren Zeiten berichteten die alten Leute von Kriegs- und Hungerwintern. Das Jahr 2020 wartet mit einer Novität auf. Es ist zwar kein Krieg, zumindest keiner, wie wir ihn kennen. Auch herrscht in unseren Breitengraden kein Hunger. Dennoch befindet sich die Welt seit Monaten in einem Ausnahmezustand, lebt in Angst vor einem unsichtbaren, bedrohlichen Feind. All unsere Aufmerksamkeit ist darauf fokussiert, wie wir uns wehren, uns schützen, wie wir wieder zur Normalität zurückkehren können (https://radikale-poesie.com/2020/09/25/mit-dem-kronenvirus-auf-dem-weg-in-die-holle/).

Aufgrund der Maßnahmen rund um das Coronavirus wurde das ganze Land heruntergefahren. Alles zu. Alles geschlossen. Alle bleiben daheim , wenigstens die meiste Zeit. Kontakte nur in begrenztem Ausmaß.

Herunterfahren ist in dieser Zeit der Erwartung und der Ankunft des Lichts, der Stille und des Langsamerwerdens im Prinzip eine gute Idee.

Was allerdings nicht heruntergefahren wird, ist die wachsende Zahl der Anglizismen, die sich nun virengleich vermehren und die deutsche Sprache mehr und mehr zu einem merkwürdigen Germish bzw. Denglish mutieren. Herdenimmunität ist hier kaum zu beobachten. So ist also konsequent vom Schattdaun und vom Lockdaun die Rede. Gemeint ist nichts anderes als: alles zu.

Herunterfahren ist in dieser Zeit der Erwartung und der Ankunft des Lichts, der Stille und des Langsamerwerdens im Prinzip eine gute Idee. Und, so ließe sich ergänzen, nicht nur in dieser Zeit. So bieten uns die erzwungenen Maßnahmen auch die Gelegenheit, zu uns zu kommen. Zu reduzieren. Uns zu besinnen auf das Wesentliche. Und die Frage: was ist eigentlich wesentlich für mich, für uns, für die Welt? Habe ich darauf eine Antwort? Falls ja, ist dies eine gute Gelegenheit, sich dem zu widmen. Falls nein, ist es eine gute Gelegenheit, diese Frage im eigenen Herzen zu bewegen.

Fürchtet Euch nicht!
(Lukas 2, 10)

Macht hoch die Tür, das Tor macht weit, lautet die erste Zeile eines alten Weihnachtsliedes. Das Gegenteil also von Alles-zu, Lockdown, Shutdown, oder welche Worte man auch immer verwenden will. Öffne dein Herz, dein Gemüt, deine Seele und deine Sinne, will das sagen. Welch ein Evangelium – ein eu angelion, auf Deutsch eine Frohe Botschaft!

Das erste Wort nach Jesu Geburt, das uns überliefert ist, lautet FÜRCHTET EUCH NICHT! Ein Engel rief es den Hirten zu, die angesichts des gleißenden Lichts, das das Dunkel der Nacht vertrieb, zu Tode erschrocken waren.
Selten war diese Botschaft aktueller als im Jahr 2020. Denn seit Monaten leben viele Menschen in Angst, und diese Angst wird von den Medien befeuert. Ich möchte hier keine Diskussion über die Gefährlichkeit des Virus eröffnen. Aber es stimmt bedenklich, wenn aus den Medien, abgesehen von der Aussicht auf eine umstrittene Impfung, kaum eine frohe Botschaft zu hören ist. Selten werden die Zahlen der Genesenen so groß und laut verkündet wie diejenigen der Infizierten und Toten. Und es entsteht das Bild eines wehrlosen Ausgeliefertseins gegenüber einem stets präsenten und unsichtbaren tödlichen Feind. Jeder Kontakt könne tödlich sein, so werden wir informiert, also sollen wir diese stark einschränken oder ganz vermeiden.
Gerade aus der Wissenschaft aber wissen wir, wie stark Angst und Stress unsere Immunabwehr schwächen, die wir doch in solchen Zeiten so dringend brauchen. Außerdem brauchen wir Gemeinschaft, Umarmung und Berührung fast so notwendig wie das tägliche Brot. Auch das bestätigt uns die Wissenschaft mit ihren Erkenntnissen zum Oxytocin, dem Hormon, das aus Begegnung und Bindung entsteht und uns seelisch und körperlich stark macht.

Weihnachten, so heißt es, sei das Fest der Liebe. Die Liebe beginnt bei uns selbst. Ohne Selbstliebe, die etwas ganz anderes ist als Selbstverliebtheit oder Narzissmus, sind wir zur Liebe gegenüber dem Anderen nicht in der Lage. Das Licht und der Trost – Fürchtet Euch nicht! – ermöglichen uns, unser Herz weit werden zu lassen und uns zu entspannen. Denn die Liebe ist nicht nur ein Kind der Freiheit, es ist auch eines der Entspannung.

In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern eine Frohe und gesegnete Weihnacht!

Worte: Lothar Eder
Beitragsbild: STUDIEN ÜBER EIN FENSTER (2018) © Lothar Eder

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