
PERLBACH III (2016) © Lothar Eder

PERLBACH III (2016) © Lothar Eder
„Ein Fluß, sagte ich, ein Fluß wäre gut.
Bitte?
Eine Stadt an einem Fluß, daran wäre mir gelegen, sagte ich“
Günther Heim, Glückskind mit Vater, S. 433
„The ultimate condition of everything is river“
Iain Sinclair, Ghost Milk
„Wenige Jahre später lungerte ich halbe Schultage allein am Fluß. Ich fuhr mit dem Fahrrad am Ufer auf und ab, saß stundenlang auf der mit teerverklebten großen schwarzen Steinbrocken befestigten Uferböschung und suchte nach diesen Schriften: Schiffsnamen, Stromkilometer, die Zulassungsnummern der Kähne. Mich interessierte nur noch, was flußabwärts ging, auf diese lichtere Weite zu, in der man irgendwann ans Meer stoßen würde. Eine Zeitlang führte ich ein kleines Heft, in das ich alles eintrug, was ich an den flußabwärts fahrenden Kähnen entziffern konnte, als ließe sich dahin mit der Zeit etwas ablesen. Im Gedächtnis blieben mir Zeichenkolonnen, in wochenweisen Blöcken, die auf dem karierten Papier standen wie Strophen eines Gedichts, Chiffren der Bewegung, des Andernorts.“
Esther Kinski, Am Fluß, S. 38-39
Der Bundesgerichtshof hat am 24. Januar 2013 verkündet, daß der Anschluß an das Internet zur Lebensgrundlage gehöre und eine Art Grundrecht darstelle.
„Radikale Poesie“ sieht sich mit reichlich Verspätung zu einem Gegenentwurf veranlaßt und träumt von folgender fiktiver Meldung:
„Immer weniger Deutsche finden Anschluß an sich selbst und die Vorgänge in der Natur. Im letzten Jahr waren es nur noch 0,8 Prozent der Bevölkerung und die Tendenz geht stark nach unten. Eine neue Initiative, gefördert von der Europäischen Union, will nun die Bürger dazu bringen, wieder mehr in den Himmel zu schauen. Durch dieses nichtzweckgebundene Schauen, so Experten, könne Streß abgebaut werden. Das Bundesgesundheitsministerium zitiert eine Studie, wonach Langzeitindenhimmelschauer, Vogelgezwitscherlauscher und Stundenlangaufdenhorizontgucker im Schnitt deutlich weniger Arztbesuche aufweisen. Sie leiden weniger an Herz- und Kreiskauferkrankungen und streßbedingten Organschädigungen.“
„Wie es kommt und auf welche Weise
Weiß man nicht
Doch auf jeden Fall leise
Verzweiflung weint nicht, Freude lacht nicht
Der Rest ist unsichtbar
Es gibt ’n stillen Schuß, der kracht nicht
Wie letzte Nacht, nicht wahr?
Wie es kommt und auf welche Weise
Weiß man nicht
Doch auf jeden Fall leise“
Stefan Stoppok, Leise
“ … Hilft bei Laberproblemen“
Aus dem Beipackzettel eines chinesischen Kräutertees.
„Bücher beschützen. Dem Leben, das nachfühlbar erzählt wird, kann für kurze Zeit das Diffuse und Bedrohliche genommen werden. Nicht zuletzt rührt die Geborgenheit im Buch auch daher, daß gebannt ist, was den Lesenden ängstigt oder beruhigt; gefesselt in der Formulierung, hat es keine Macht mehr über ihn, jedenfalls für die Dauer der Lektüre. Nur das Glück fühlt sich nicht wohl im Text, das Glück muß fliehen. Ein Reh ohne Scheu, das riecht immer gleich nach Disneyland.“
Ralf Rothmann, Feuer brennt nicht, S. 80 der TB-Ausgabe.
Prackenbach (2015) © Lothar Eder
„Das Denken macht die Dinge lächerlich, Ed. Alles wird zur Anekdote. Ins Innere der Poesie kommen wir nie. Auch die Surrealisten sind lächerlich, weil sie das Problem technisch zu umgehen versuchen, von den Dadaisten ganz zu schweigen, die alles zerschlagen und dann darauf lauern, daß irgendjemand kommt und behauptet, das Ganze hätte einen Sinn. Was wir aber brauchen, ist unsere Stimme, sie ist die Musik, sie lauscht den Worten die Welt ab. Was wir brauchen, ist unsere Stimme und einen Raum voller Abwesenheit – ein Ort zur Gewinnung von Zeit.“
Lutz Seiler, Kruso, S. 217
„Die Schwierigkeit ist heute nicht mehr, daß wir unsere Meinung nicht frei äußern können, sondern Freiräume der Einsamkeit und des Schweigens zu schaffen, in denen wir etwas zu sagen finden. Repressive Kräfte hindern uns nicht mehr an der Meinungsäußerung. Im Gegenteil, sie zwingen uns sogar dazu. Welche Befreiung ist es, einmal nichts sagen zu müssen und schweigen zu können, denn nur dann haben wir die Möglichkeit, etwas zunehmend Seltenes zu schaffen: Etwas, das es tatsächlich wert ist, gesagt zu werden.“
Gilles Deleuze, Mediators, in: Byung-Chul Han, Neoliberalismus und die neuen Machttechniken, S. 76
Unpoetisch: Selbstoptimierung
Poetisch: Selbsterkenntnis
Unpoetisch: Eifoun (Iphone)
Poetisch: Eiland
Unpoetisch: Redeschwall
Poetisch: Wasserfall
Unpoetisch: Krankentagegeld
Poetisch: Lotteriegewinn
Vorne auf der Hauptstraße gab es immer einen kleinen Buchladen. Ich kaufte fast all meine Lektüre dort. Buchläden waren immer eine Art Heimat für mich. Wo Bücher sind, da laß dich ruhig nieder, böse Menschen haben einen Kindle Reader. Nein, so radikal stimmt das natürlich nicht. Aber der Geruch, die Haptik eines Buches sind einfach unübertroffen. Letztes Jahr nun schloß der Laden. Es lohne sich nicht mehr, sagte die Besitzerin. Nun bleiben mir für den Bücherkauf nur zwei Möglichkeiten: der lange Weg in die Innenstadt oder das Internet.
Der Laden stand lange leer. Vor einigen Wochen dann waren die Scheiben mit Zeitungspapier verklebt. Neues kündigte sich an. Es kam: ein Laden für E-Zigaretten. Wenn das kein Abstieg ist. Wenn ich dran vorbeigehe, versuche ich den Laden zu ignorieren. Aber er schreit mich förmlich an, tippt mir auf die Schulter und sagt: hey, ich bin das Neue, ich bin der Fortschritt, hey ich bin kuhl (heutzutage benutzen alle dieses Drogenwort – cool).
Wenn ich könnte, dann würde ich dem Buchladen versprechen, daß ich noch mehr Bücher kaufe, nur damit er wiederkommt. Aber das ist natürlich ein abwegiger Gedanke, den nur ein hoffnungsloser Traumtänzer hervorbringen kann. Uncool eben.