Der zweite Roman, den ich in dieser kleinen Rezensionsreihe vorstellen möchte, ist „Altes Land“ von Dörte Hansen. Das Buch ist das vielbeachtete Debut der Autorin aus dem Jahr 2015, in der Presse hochgelobt und auf Platz eins der Bestsellerlisten. Zurecht, möchte ich voranstellen.
Es ist dies ein kräftiger, mit sicherem Gespür geschriebener Text, der die Seelenlandschaft seiner Personnage in treffenden Metaphern verdichtet, ohne je geschwätzig zu werden. Die Handlung erfährt man Weiterlesen
Verrat mir ein / Geheimnis. Oder mich. Oder / lösch ganz einfach das / Licht in deinem / Auge wenn du / gehst will // ich in der / Tür stehn die / Blätter zählen die der / Wind aufwirbelt ihre / Summe wissen wenn / sie wieder am / Boden // liegen: Das / Muster bergen das / unseren Augen / bleibt.
(Ulrich Schacht, Herbst Brief)
Beginnend heute sollen in loser Folge 3 Romane vorgestellt werden, die sich auf unterschiedliche Art und Weise mit der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten beschäftigen.
Alle 3 Romane spielen in der Gegenwart und zeigen auf sehr verschiedene Weise die seelischen und sozialen Auswirkungen des damaligen Geschehens. Weiterlesen
Es ist ein Film aus einem anderen Zeitalter. Ein Zeitalter, in dem Effizienz noch nicht das Maß aller Dinge war. In dem das Gute noch gut genug war und nicht das Bessere zum Feind hatte. Und in dem Zeit war für das Pflegen auch alltäglicher Beziehungen.
Der Schauspieler und Regisseur Jacques Tati war ein charmant-kreativer Kritiker des sogenannten Fortschritts – wohin schreiten wir eigentlich, wenn wir fort-schreiten? Er erfand zahlreiche Figuren, die uns mit ihrer unbestechlichen Komik die Absurdität des Alltags und eines vermeintlichen Fortschreitens vor Augen führen. Gesprochen wird wenig in diesen Filmen. Dafür leben sie von der Gestik und von Geräuschen, ein Stilmittel, das Tati durchgehend verwandte.
„Rapidité“ ist das Zauberwort, das den Briefträger Francois beim Anschauen eines amerikanischen Filmes über das moderne Postwesen befällt. Und so verfällt er auf seinem Postfahrrad dem Rausch von Geschwindigkeit und Effizienz. Der Plausch mit seinen Mitmenschen bleibt dabei natürlich auf der Strecke.
Und genau dies finden wir ja in unserer „schönen neuen Welt“ tagtäglich: keine Zeit, keine Entspannung und zerstörte soziale Bindungen. Und Jacques Tati vermochte es wie kaum ein anderer, uns diese Absurdität auf derlei amüsante Weise vorzuführen.
Der neue Genazinoroman ist wie die vorhergehenden. Ein entwurzelter Mann ohne Beruf und Perspektive schlafwandelt durch sein Leben und beobachtet Alltagsphänomene im Außen und Innen. Jedoch ist es stets faszinierend, wie es Genazino immer wieder aufs Neue gelingt, scheinbar banalen seelischen Abläufen eine Tiefe zu geben.
Die tiefere Einbettung Weiterlesen
„Die Konsum- und Freizeitgesellschaft weist eine besondere Zeitlichkeit auf. Die überschüssige Zeit, die sich einer massiven Produktivitätssteigerung verdankt, wird mit Ereignissen und Erlebnissen gefüllt, die flüchtig und kurzfristig sind.“ Byung Chul Han, Duft der Zeit, S. 93