Das Verweilen, das Innehalten, das Schauen anstatt des von Effizienzstreben gehetzten Blicks, der gedehnte Blick also – sie alle gehören auf die Seite der Poesie und der Gesundheit. Wieso Gesundheit? Weil die damit verknüpfte Entspannung unseren Ruhenerv (Vagus) stimuliert. Und ebendieser Ruhenerv regt in unserem Organismus Heilprozesse und eben auch die Immunregulation (!) an. In Düsseldorf nun wurden dieser Tage aus Gründen des Infektionsschutzes am Rheinufer und in der Altstadt „Verweilverbotszonen“ eingerichtet.

Was geschieht hier? Zunächst etwas ganz Banales. Die Menschen sollen nach dem Willen der Machthaber, entgegen ihrem eigentlichen Impuls, im schönen Frühlingswetter nicht einfach stehenbleiben, sondern weitergehen. Weitergehen statt stehenbleiben, keine große Sache, eine Banalität also? Das Böse aber ist, so wissen wir spätestens seit Hannah Arendt, banal. Denn dieses Verbot des Verweilens wird nicht nur aufgestellt, nein, es wird polizeilich überwacht. Verstöße werden geahndet. Bitte, was hätte man jemand erwidert, der vor einem Jahr behauptet hätte, dass man ein Jahr später Menschen bestraft, die an einem Flussufer stehen bleiben und die Frühlingssonne und die Aussicht genießen? Man hätte diesen Menschen sehr wahrscheinlich für verrückt erklärt. Nun aber wird das Verrückte zur Normalität. Es ist im Jahre 2021 normal, dass es Menschen verboten wird, in der wärmenden Frühlingssonne stehenzubleiben und dabei durchzuatmen.

Hundert Blumen im Frühling, im Herbst der Mond –
Ein kühler Wind im Sommer, im Winter Schnee.
Wenn am Geist nichts Unnützes haftet,
Dies fürwahr ist für den Menschen gute Zeit.

Meister Mumonkan, Das torlose Tor

Verweilen ist Gesund

Das Verweilen bringt uns dazu, zu uns zu kommen. Es ist das Gegenteil des fortwährenden und ungesunden Beschleunigungszwangs. Das Verweilen ist gesund. Das Zu-uns-Kommen läßt es uns zur Ruhe kommen. Das Verweilen ist der Gegensatz zum allgegenwärtigen Taktung des Lebens durch vermeintliche Notwendigkeiten. Es ist der Ruhepol zum steten Weiter-immer-weiter und dem Mehr-immer-mehr. Das Verweilen bringt uns in den Augenblick – verweile doch du bist so wunderschön heißt es bei Goethe. Das Verweilen im Augenblick ist ein Zustand der Dauer. Der Augenblick, in dem wir verweilen, dehnt sich aus. Dadurch entsteht die Gegen-Wart, das Jetzt. Ein Meditationsmeister beschrieb das mit den Worten „der Geist kommt dort an, wo der der Hintern schon sitzt – im Hier und Jetzt“.

Die griechische Antike kannte drei Lebensweisen des freien Menschen: das nach Lust strebende Leben, das schöne und edle Taten hervorbringende Leben und das Leben, das sich der kontemplativen Betrachtung der Wahrheit widmet (bios theoretikos). Dieses Schauen (theoreia) galt als höchste Lebensform – das kontemplative Verweilen ist das höchste Glück. Das Schauen hat alle Zeit der Welt.

Die entspannte Schau bringt uns in einen entspannten Zustand und damit zu uns selbst. Das Verweilen vollzieht sich jenseits von Konsum und Hetze. Es unterliegt keinem Erledigungszwang. Vielmehr bringt es uns in einen anderen inneren Zustand, der mit Ent-Schleunigung und Ver-Langsamung einhergeht.
Das Verweilen ist Nahrung für die Seele.

Das Flanieren wird zum Hofgang

Das Verbot des Verweilens bewirkt eine Verbannung aus der Sphäre des absichtslosen Einfach-da-seins. Es verhindert die innere Weite und führt in die innere Enge. Die Zwanglosigkeit wird ersetzt durch den Zwang. Wer fortwährend dem Impuls des Stehenbleibens und Sichhinsetzenwollens, dem Verlangen die Augen zu schließen und durchzuatmen und dem Drang, dem eigenen Rhythmus von Innehalten und Bewegung zu folgen, zuwiderhandeln muss, ist kein freier Mensch. In seinem Bewußtsein taucht zwangsläufig ein „ich darf das nicht, ich darf jenes nicht“ auf. „Nicht stehenbleiben, weiterweiter, hier gibt es nichts zu sehen“ lauten die Devisen, die in Erwartung von Strafe schnell verinnerlicht werden. An die Stelle des Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein tritt das Menschentier, das ängstlich um sich schaut, ob es seine gerade noch tolerierte Verweildauer im Sonnenschein nicht schon überschritten hat. Der Käfig des Menschentiers ist unsichtbar, aber wirksam. Sein Flanieren wird zum Hofgang.

Ihr sollt werden wie die Kinder

Ich bin mir sicher: Sowohl der Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf, als auch der Rat der Stadt, die Mitarbeiter des Ordnungsamtes und die Polizei genießen es, entspannt in der Sonne zu sitzen und auf den Rhein zu schauen. Sie alle mögen es, ihren Tag und ihr Leben im eigenen Rhythmus zu leben. Sie alle verabscheuen den Zwang und lieben die Freiheit. Sie alle kennen das höchste Glück des kontemplativen Verweilens und teilen diese Erfahrung mit uns allen.

Wahrlich, ich sage euch, so ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nimmermehr in das Reich der Himmel eingehen

Jesus

Das Errichten von Verweilverbotszonen ist Ausdruck verwüsteter Seelen. Verwüstete Seelen orientieren sich nicht an der Empathie, der Einfühlung in den anderen. Sie orientieren sich an vermeintlichen Notwendigkeiten. Mangelnde Einfühlung in andere kommt aus mangelndem Selbstmitgefühl. Und um sich selbst fühlen zu können, braucht es wiederum die Kunst des Verweilens. Wer bei sich selbst verweilen kann, fühlt sich selbst und andere. Wenn wir auf die Welt kommen, bringen wir diese Fähigkeit mit. Wir müssen diese Kunst nicht erlernen. Wir müssen das verlernen, was uns daran hindert. So meint es wohl das Jesuswort: „Wahrlich, ich sage euch, so ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nimmermehr in das Reich der Himmel eingehen“ (Matthäus 18,3).

Und der Himmel, das ist zum Beispiel: an einem warmen Vorfrühlingstag in Düsseldorf am Rheinufer in der Sonne zu verweilen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Unbehelligt von Polizei und Ordnungsamt. Denn die haben, so der Himmel auf die Erde kommt, etwas besseres zu tun. Zum Beispiel sich in der Kunst des Verweilens zu üben.

Worte: Lothar Eder unter Verwendung des Essays „Duft der Zeit, ein philosophischer Essay zur Kunst des Verweilens“ von Byung-Chul Han
Titelbild von Mariya auf Pixabay
Beitragsbild von Mabel Amber auf Pixabay

6 Gedanken zu “Mein (un)poetischer Alltag – die Verweilverbotszone

  1. Wir sollten uns keinesfalls an dieses vollkommen verrückte „Neue Normal“ gewöhnen – und an all die vollkommen absurden und sinnfreien Verordnungen und Verbote…
    und wir müssen weiterhin dagegen anschreiben und angehen…
    und immer weiter…. damit diese Welt eine menschliche bleibt oder wieder wird.
    Danke dir für diesen Artikel, dem ich aus vollem Herzen zustimmen kann und muss.
    Liebe Grüße, Hannah

    https://hannahbuchholz.wordpress.com/2020/04/24/ruf-in-die-zukunft-haben-wir-uns-nicht-schon-laengst-daran-gewoehnt/

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  2. Vielen Dank für den Link. Darin heißt es: „Wenn man sich im Freien in Gruppen aufhalte, bei denen keine Mindestabstände eingehalten und/oder keine Masken getragen werden, sollte man jedoch vorsichtig sein – zum Beispiel bei längeren Unterhaltungen.“ Und genau diese Menschen meinte ich. Die in Freien im Pulk ohne Abstand stehen und sich womöglich dann auch unterhalten. Wenn einzelne Personen verweilen und die Aussicht genießen, ist das natürlich unbedenklich.

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    1. Ja. Und ich setzte mich nach der morgendlichen Gewohnheit in den Garten. Just als die Sonne sich über den Dächern erhob, fing die Amsel an zu singen. Und all mein inneres hin und her Argumentieren schmolz dahin.

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  3. „Sie orientieren sich an vermeintlichen Notwendigkeiten.“ – Das hat mich nachdenklich gestimmt. Allerdings leuchtet mir schon ein, warum diese Verweilverbote eingerichtet wurden. Viele Menschen verhalten sich zunehmend verantwortungslos. Und bei sich selbst anzukommen wäre auch deshalb schön, weil dann der eine oder andere vielleicht wieder selbst Verantwortung übernehmen würde. Solange das nicht der Fall ist, muss eben von staatlicher Seite eingegriffen werden. Das Absurde ist in dem Fall nicht das Einrichten eines Verweilverbots, sondern der Grund, warum es scheinbar notwendig geworden ist… Oder sehe ich das falsch?

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    1. Welche Menschen verhalten sich „zunehmend verantwortungslos“? Diejenigen, die in der Sonne herumstehen oder diejenigen, die auf den Regierungsbänken herumsitzen? Die Gesellschaft für Aerosolforschung (GAeF) mit Sitz in Köln stellt hierzu fest: „Im Freien finden so gut wie keine Infektionen durch Aerosolpartikel statt“. Quelle: https://www.mdr.de/nachrichten/panorama/corona-ansteckung-aerosole-draussen-klassenzimmer100.html

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