Unter diesem Titel findet sich ein Tagebucheintrag Frischs aus dem Jahr 1969. Dort schreibt er (Kürzungen LE):
“ Keine Instanz verlangt jährlich oder zweijährlich (wie die Steuerbehörde) eine Liste der Dankbarkeiten … Gäbe es eine Instanz, die eine Liste der Dankbarkeiten binnen einer Woche verlangt, so würde ich […] auf die Liste setzen:
a.
die Mutter
f.
eine leichtsinnige Gesundheit
s.
Freundschaft mit Kollegen
u.
die Nachbarn im Dorf
w.
der Partner, der mit mir lebt
x.
daß Ehrgeiz nachläßt
y.
Träume, auch die schweren
z.
allerlei Glück mit dem Auto
Als Karl Valentin sagte, Kunst sei schön, mache aber viel Arbeit, muß er an die Landschaftsfotografen gedacht haben. Landläufig gibt es ja die Auffassung, dass der Landschaftsfotograf halt seine Kamera dabei hat, wenn er unterwegs ist, und wenn er was Schönes sieht, nimmt er es auf. Weit gefehlt. Weiterlesen
Und natürlich stimmt es, was einige kritische Stimmen anmerkten: Stolen Moments, gedehnte Blicke also nicht nur für die Augen, sind musikalisch nicht nur im Jazz zu haben. Weiterlesen
Stolen Moments – gestohlene Momente, das sind Augenblicke, die man der Welt stiehlt, die man ihr vorenthält, die man ganz für sich hat. Ohne Funktionieren, Streß, ohne Sorge, ohne Bekümmertheit.
Ob Oliver Nelson, der Komponist, diese Gedanken mit dem Titel dieses Jazzklassikers verband, weiß ich nicht. Mir aber fallen sie dazu ein. Ich liebe dieses Stück, es ist heiter-entspannt mit Tiefgang – „laid back“ wie es in der Jazzsprache heißt. Wie überhaupt der Jazz der frühen 60er zu meinen persönlichen Favoriten gehört.
Es gibt viele Fassungen des Stücks, viele überzeugen (mich) nicht. Eine aber tut es. Es ist die Version von Frank Zappa, erschienen auf dem Album „Broadway The Hard Way“ von 1988. Man muß dazu sagen, auch wenn es ein wenig lästerlich ist, dass diese Version auch deshalb so gut ist, weil Zappa sich als Musiker raushält und seine Jungs, allesamt Könner höchster Güte, machen läßt. Allen voran Walt Fowler, dessen Trompetensolo das von Freddie Hubbard auf der 1961er Version übertrifft. Aber da mag jede(r) sich selbst ein Urteil bilden.
Da ich schlichtweg unfähig bin, Videos einzubinden, kann ich hier nur ein Foto präsentieren:
Wie auch immer –
Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich – nicht nur zum 2. Advent – zahlreiche Gestohlene Momente!
Marlen Haushofer gehört nicht eben zu den bekannten Namen der deutschsprachigen Literatur der Gegenwart. Zu Unrecht. Ihr Roman „Die Wand“, erschienen 1963, darf als ihr Meisterwerk gelten. Bekannt wurde er durch die Verfilmung durch Julian Pölsler (2012) mit Martina Gedeck in der Hauptrolle. Lange hatte der Roman als unverfilmbar gegolten. Pölsler hat sich nach den vorliegenden Informationen 7 Jahre Zeit genommen für die Entwicklung von Konzeption und Drehbuch. Dieser gewissermaßen gedehnte Blick hat sich wirklich gelohnt. Denn der Film gibt mit seinen Mitteln die Stimmung und die Tiefe des Buches authentisch wieder. Lange Einstellungen, gut komponierte Bilder, dazu die sanft-eindrückliche Stimme von Martina Gedeck, die den inneren Monolog der namenlosen Protagonistin spricht.
Man muss sagen, dass Weiterlesen
Modernes Ballett, das ist oft: getanzte Postmoderne. Will heißen: karge Bühne, Musik vom Band, unvermeidliche Videoeinspieler und sich schwer erschließende Bewegungsabfolgen. Andererseits habe ich die Choreographien von William Forsythe immer sehr genossen, ihre Unmittelbarkeit, ihre Virtuosität, ihre Entschlossenheit und ihre Poesie.
Am Theater Heidelberg arbeitet seit 2012 Nanine Linning als Chefchoreographin. Sie ist mittlerweile international sehr angesehen und verlässt das Theater aus diesem Grund bedauerlicherweise 2018, wie man hört in Richtung London.
Ihre aktuelle Produktion nennt sich „DUSK“. Im Programmheft heißt es dazu „An der Schwelle zwischen Ende und Neubeginn liegt ein Ort der Dämmerung, an dem sich die Zeit unendlich zu dehnen und gleichzeitig unausweichlich abzulaufen scheint.“ 12 Tänzer, Damen und Herren, ruckeln, schweben, gleiten, tänzeln in und durch den Bühnenraum, dehnen sich aus in weitausholenden Bewegungen, ziehen sich in sich zurück, ducken sich, recken sich ins Licht, mal im Ensemble, mal paarweise, mal alleine. Alle menschlichen Strebungen und Sehnsüchte, alle Ängste, alles Werden und Vergehen sind in dieser Aufführung, die gerade mal eine Stunde dauert, verdichtet auf die Bühne gebracht.
Kein Requisit stört, kein Schnickschnack ist zu sehen. Dafür reiner Tanz, die choreographierte Intuition der Körper. Zu erwähnen ist nicht zuletzt die Musik Mahlers, direkt gespielt vom Orchester. Eine Musik, die durch ihren fortwährenden Grenzgang zwischen Spätromantik und Moderne passende Stimmungen erzeugt. Hervorragend in seiner Balance zwischen Minimalismus und spätromantisch anmutender Poesie: das Bühnenbild. Man müßte sagen: die Bühnenbilder. Nebel und Wolken im Bühnenhintergrund in dynamischer Bewegung, aus denen Tänzer starr oder sich bewegend auftauchen und wieder verschwinden, und damit den programmatischen Titel bildhaft aufnehmen: stets an der Schwelle zwischen Entstehen und Vergehen. Die Dämmerung als geheimnisvolle Zeit, in der alles neu werden kann und doch noch geschützt ist vor dem harten Licht der hohen Sonne, alles kann noch Potenzial sein, gerade erst dem Unbewegten entstiegen.
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