Als ich im Dunkeln kurz nach draußen gehe, höre ich das Geräusch. Wer es einmal gehört hat, vergißt es nicht. So tönen nur Kraniche. Sie fliegen über die Dächer Richtung Nordosten. Ich sehe sie nicht, sondern höre sie nur. Kraniche fliegen auch bei Nacht. Es dürften etwa zwei Dutzend sein. Sie künden vom Ende des Winters und vom Neubeginn im Bekannten, denn Kraniche sind zwar viele Tausend Kilometer unterwegs, aber sie sind ortstreu. Weiterlesen
Wer nicht in die Welt zu passen scheint, der ist immer nahe dran, sich selbst zu finden
Herrmann Hesse
Die Filme von Eric Rohmer sind aus (mindestens) zweierlei Gründen ein Genuss: sie sind langsam und sie sind unaufgeregt. Eine weitere Qualität ist die Leichtigkeit der Erzählweise, mit der sie in der Tiefe etwas anrühren. Schaut man sich heute Rohmerfilme an, so wird einem deutlich, wie schnell, hastig und rastlos die Welt seit den Achtzigerjahren geworden ist.
Wann immer ich den den grenzenlosen Ton höre,
In der Tiefe der Nacht, oh Mutter,
Finde ich dich wieder Kyozan Joshu
Dieses Kurzgedicht des Zenmeisters Kyozan Joshu spricht eine Ursehnsucht und eine Urangst der Menschen an: das Bedürfnis nach und die Angst vor dem Verlust der Mutter. Zunächst ist die eigene, persönliche Mutter gemeint. Das Gedicht weist aber über das Persönliche hinaus auf die Große Mutter, das Mütterliche an sich, das jeder Mensch im besten Falle als Kind in nährender und liebender Weise erfahren hat. Mit dem Erwachsensein findet traditionell die Anbindung an das Mütterliche an sich statt. Sei es Mutter Erde, die Jesusmutter Maria oder Guanyin, der weibliche Buddha des Mitgefühls.
Das Gedicht beinhaltet eine innere Suchrichtung. Das Hören des Tons setzt ein offene Haltung für diesen Ton voraus. Warum ist der Ton grenzenlos? Weil er transpersonal ist, er weist über den einzelnen Menschen hinaus. In dieser offenen Haltung wiederum läßt sich das Hören des Tons, der Trost im Gefühl des Un-Gehaltenseins finden.
In der späten Moderne lieferte John Lennon mit seinem Lied „Mother“ einen Klagegesang, der das Ungeströstetsein beschreibt, das aus dem vergeblichen Suchen nach der Mutter, dem Mütterlichen erwächst. Wir finden das Motiv auch wieder in Richie Havens „Sometimes I feel like a motherless child“.
Das Glück der Sätze. So überschreibt Wolf Wondratschek in der Frankfurter Anthologie seine Vorstellung eines Gedichtes von Ernst Jandl. Und da heißt es: „Begnügen wir uns mit der Einsicht, daß alle Liebegedichte Fragmente bleiben, Fragmente einer großen Konfession, die ihre Triumphe still für sich behält. Jandls Gedicht sagt das Sagbare – und respektiert das Unsagbare“.
Der 2. Februar ist seit Alters her der Tag, an dem, nach der dunklen Zeit, das Licht wieder in die Welt kommt. Ganz profan wird um diesen Tag herum erkennbar, daß die Tage schon merklich länger sind, die Sonne früher aufgeht und später untergeht.
In der christlichen Tradition wird der Tag auch „Mariä Lichtmeß“ genannt. Es ist der 40. Tag Weiterlesen
Das Zitat des Tages erscheint heute in Form einer Kalligraphie. Sie stammt von meinem geschätzten Kollegen Hans Neidhardt. Hans gestaltet mit diesen herrlichen kleinen Kunstwerken z.B. Kalenderblätter und verwendet dafür Sinnsprüche, Zitate und Aphorismen, die mich immer wieder auf einer meditativen und poetischen Ebene anregen.
Als Titelbild sehen wir das Kalenderblatt vom Januar.
Den Schneidermeister Hürdler kennt keiner. Außer mir. Was wohl auch nicht ganz stimmt. Denn Herr Hürdler lebte zwar, da geschieden, alleine. Aber er hatte eine damals schon erwachsene Tochter. Zudem war er Mitglied in einer Sekte, wie man damals sagte und übte dort, so erzählten meine Eltern, eine hochrangige Funktion aus. Also kannten ihn seinerzeit diejenigen, die ihn eben kannten, und es sei ihm zu wünschen, daß sich außer mir noch einige andere Menschen an ihn erinnern.
Im eigentlichen Sinn aber ist der Schneidermeister Hürdler vollkommen unbekannt, im Gegensatz etwa zum Tapferen Schneiderlein oder zum Schneider von Ulm.
Dennoch hat der Hürdler es hier herein, in die Radikale Poesie geschafft, und das kommt so: Weiterlesen
„Ich schwebte, als sei ich im Innern einer Seifenblase“, sagte der polnische Kosmonaut Miroslaw Hermaszewski. „Wie ein Säugling im Schoß der Mutter. In meinem Raumschiff bleibe ich immer das Kind der Mutter Erde.“
Es gab Kosmonauten, die auf ihre Reise Musik mitnahmen, aber zuletzt nur noch Kassetten mit Naturgeräuschen hörten: Donnergrollen, Regen, Vogelgesang. Andere hatten ein Gemüsebeet im All und züchteten Hafer, Erbsen, Rüben, Radieschen und Gurken, strichen mit der Handfläche beseligt über die frischen Pflänzchen oder empfanden tiefe Trauer, als Fische in einem Becken die Reise nicht überstanden. Am äußersten Ende der Exkursion zu den Grenzen des Erreichbaren, die technologische Rationalität mit einer Meisterleistung krönend, entdeckten sie das Kreatürliche, das Spirituelle und das Moralische und kehrten zurück zum Anfang, zum Kind, zum Säugling, der da liegt wie der zusammengekauerte Todesschläfer, der letzte komplette Mensch. Seine Zukunft muss ihm unvorstellbar gewesen sein. Sie ist es noch.